Hintergrund
Die Reichspogromnacht gegen die jüdische Bevölkerung vom 9. auf den 10. November 1938 führte der Weltöffentlichkeit drastisch vor Augen, dass in Deutschland ein Völkermord vorbereitet wurde. Dennoch machten es die damals bestehenden strengen Einwanderungsbestimmungen vieler Länder deutschen Juden trotz Verfolgung unmöglich, Deutschland zu verlassen.
Nach der Pogromnacht handelten die britische Regierung und die Bevölkerung Großbritanniens schnell. Am 15. November 1938 empfing der britische Premierminister Arthur Neville Chamberlain eine Abordnung einflussreicher britischer Juden, die über eine vorübergehende Aufnahme von Kindern und Jugendlichen in Großbritannien verhandelten. Die jüdische Gemeinde verpflichtete sich zur Stellung von Garantiesummen für die Reise- und Umsiedlungskosten der Kinder in Höhe von 50 Englischen Pfund pro Kind (nach damaligem Wert rund 1.500 Euro) und versprach, die Kinder im Land zu verteilen und ihnen eine Ausbildung angedeihen zu lassen. Später sollten die Kinder mit ihren Familien wieder vereinigt werden und eine endgültige neue Heimat in Palästina finden.
Wenige Tage später lockerte die britische Regierung die Einreisebestimmungen, und es erging ein Aufruf an die britische Bevölkerung, Pflegekinder in der eigenen Familie aufzunehmen. Es durften nun jüdische Kinder bis zum Alter von 17 Jahren einwandern, sofern ein Förderer für sie gefunden wurde.
Diese Entscheidung traf die britische Regierung trotz der bereits erfüllten Einwanderungsquoten auch mit dem Hintergedanken, diese Demonstration des guten Willens könne die USA dazu bringen, ihre Einreisebestimmungen ebenfalls zu lockern. Das US-amerikanische Parlament lehnte einen entsprechenden Gesetzentwurf aber wenig später kurzerhand ab, so dass die Kindertransporte nur nach Großbritannien realisiert werden konnten.
Geertruida Wijsmuller-Meyer, eine einflussreiche holländische Bankiersfrau, verhandelte zeitgleich mit Adolf Eichmann und es gelang ihr, eine pauschale Duldung für solche Transporte unter strengen Auflagen zu erlangen. Die Kinder durften nur einen Koffer, eine Tasche und zehn Reichsmark mitnehmen. Spielsachen und Bücher waren verboten, nur eine Fotografie erlaubt. Mitgeführte Wertsachen wurden beschlagnahmt. Den Reisegruppen wurden Blockvisa ausgestellt, und jedes Kind bekam eine Nummer. Um tränenreiche - und damit öffentlichkeitswirksame - Abschiedsszenen zu unterbinden, wurde Eltern und Angehörigen verboten, bei der Abfahrt der Kinder den Bahnsteig zu betreten.
Schon im Dezember 1938 - nicht einmal drei Wochen nach der Pogromnacht- begannen die Briten auf diese Weise damit, jüdische Kinder in ihr Land zu holen. Ein Jahr lang, bis zum Kriegsausbruch 1939, wurden die Transporte von den Nazis geduldet.
Die Kinder fuhren mit dem Zug von ihren Heimatbahnhöfen über die Niederlande, meist nach Hoek van Holland und von dort per Schiff zu der englischen Hafenstadt Harwich. Der erste Transport kam am 2. Dezember 1938 in Parkeston Quay, Harwich an. Er brachte 196 Kinder aus Berlin. Dort wurden sie unter großer Anteilnahme der britischen Bevölkerung und den Medien durch Betreuer in Empfang genommen, die sie zu Pflegefamilien brachten. Jedoch gab es sehr schnell mehr Flüchtlingskinder, als eine freundliche Aufnahme in Pflegefamilien finden konnten. Manche von ihnen wurden in der Folge als kostenloses Dienstpersonal ausgenutzt, viele in Flüchtlingslagern interniert. Hinzu kam das Leid der Kinder, die überwiegend die Umstände ihrer Deportation nicht kannten oder nicht verstanden und oftmals glaubten, ihre Familie habe sie verstoßen.
Das offizielle Ende der Kindertransporte war der 1. September 1939, als mit dem deutschen Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg begann. Der letzte bekannte Kindertransport erfolgte jedoch durch den niederländischen Frachter "SS Bodegraven", der mit 80 Kindern an Bord am 14. Mai 1940 unter deutschem Maschinengewehrfeuer von I Jmuiden aus den Kanal überquerte und schließlich in Liverpool landete.
Bekannt für die Rettung von 669 jüdischen Kindern aus Prag wurde auch Nicholas Winton.
Mit Ausbruch des Weltkrieges veränderte sich für die Flüchtlingskinder auch die Situation in Großbritannien. Viele wurden von den Pflegefamilien in Flüchtlingslager abgegeben oder als deutsche Spione verdächtigt Dennoch entgingen knapp 10.000 Kinder durch diese humanitäre Aktion weiterer Verfolgung oder einem eventuellen Tod im Konzentrationslager. Viele der Kinder erfuhren erst nach Kriegsende die Details ihrer Deportation und des Schicksals ihrer in Deutschland verbliebenen Familie.
Mark Jonathan Harris, dessen Film "Into the Arms of Strangers: Stories of the Kindertransport" 2001 als bester Dokumentarfilm mit dem Oscar prämiert wurde, schreibt, wie die Kinder mit ihrem Schicksal allein blieben:
Das Schicksal der Kinder und ihre weitere Geschichte weisen bleibende Spuren der Traumatisierung auf. Viele sahen ihre Eltern nie wieder, und selbst wenn Mutter oder Vater am Ende der Naziherrschaft zu den Überlebenden gehörten, kamen meist keine normalen Beziehungen mehr zustande. Unter den Kindern sind Depressionen und Beziehungsstörungen, Ängste aller Art, Ruhelosigkeit und Misstrauen besonders häufig, Folgen eines traumatischen Identitätsverlustes. Hinzu kommt das "Schuldgefühl der Überlebenden" ("survivors guilt"): Ähnlich wie bei Menschen, die als "versteckte Kinder" unter falscher Identität der Vernichtungsmaschinerie der Nazis entgingen, wurde den Kindern der Rettungsaktion die eigene Trauer über das Erlittene nicht zugestanden, nicht von der Umwelt und nicht vom eigenen Gewissen.
"Ich habe ihnen nicht Adieu gesagt"
Vor 70 Jahren begannen die Transporte jüdischer Kinder nach Großbritannien WDR-Radiofeature von Kirsten Serup-Bilfeldt, 2008
In den Jahren 1938 und 1939, spielten sich auf den Bahnhöfen von Berlin, Frankfurt, Köln und München, von Prag und Wien herzzerreißende Szenen ab: Jüdische Eltern verabschiedeten sich von ihren Kindern, um sie in Großbritannien in Sicherheit zu bringen. Die meisten dieser Kinder sahen ihre Eltern nie wieder. Im Spätherbst 1938 verließ der erste „Kindertransport“ Berlin; bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs folgten weitere. Nachdem die britische Regierung sich bereit erklärt hatte, Sammelvisa an Kinder auszustellen, wurde im Verein mit den jüdischen Gemeinden die schnelle Ausreise organisiert. Jüdische und andere Hilfsorganisationen - etwa die Quäker - nahmen Kinder auf, sammelten Geld, organisierten die Transporte. Die meisten der Kinder kamen in Familien unter, andere aber auch in Klöstern und kirchlichen Einrichtungen. Rund 10.000 jüdische Kinder konnten so gerettet werden.
Das Radiofeature als Podcast zum mitnehmen: WDR-5 "Lebenszeichen"
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