Initiative
Auf Veranlassung der Initiative Berliner Kinderskulptur unter Leitung der Journalistin Lisa Schäfer und unter Mitwirkung der Kunsthistorikerin Anke Schuster, der Hotelmanagerin Sabine Rogge sowie der der Journalistin Rosemarie Grunick verfasste Dr. Claudia Curio vom Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin ein Kurzgutachten.
Ein Kindertransport-Denkmal in Berlin
Kurzgutachten zum Skulpturenprojekt "Children of the Kindertransport" von Dr. Claudia Curio [1]Dr. Claudia Curio ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin und dort u.a. seit 2006 Geschäftsführerin der Sommeruniversität gegen Antisemitismus., ZfA70 Jahre nachdem mit den Kindertransporten fast 10.000 überwiegend jüdische Kinder nach Großbritannien gerettet wurden, gibt es in Deutschland - ungeachtet des hohen Bekanntheitsgrades des Themas und des großen öffentlichen Interesses an diesem Kapitel der Geschichte der deutsch-jüdischen Emigration - kein Denkmal, das an dieses Ereignis erinnert. In London erfolgte bereits 2003 die Einweihung eines Denkmals "Für das Kind" an der Liverpool Street Station, jenem Londoner Bahnhof, an dem in den zehn Monaten vor Kriegsausbruch die meisten der Kinder ankamen. Auch am Wiener Westbahnhof wurde im Frühjahr 2008 zum Gedenken an die von dort abgegangenen Kindertransporte ein Denkmal eingeweiht. Damit sind zwei zentrale Orte der Kindertransporte markiert. Allein in Berlin, dem wichtigsten Abfahrtsort der Kindertransporte aus Deutschland, fehlt bislang ein solches Erinnerungszeichen. Der 70. Jahrestag des ersten Kindertransportes am 1. Dezember 2008 bietet sich hervorragend als Termin an, um auch in Berlin dem Gedenken an dieses Ereignis einen Platz zu geben. Das historische Ereignis der Kindertransporte hat, wie im Folgenden verdeutlicht wird, in den letzten Jahren nicht nur in der Geschichtswissenschaft, sondern auch in der öffentlichen Erinnerung und im musealen Bereich in Deutschland einen festen Platz gefunden, der einem solchen Denkmal den nötigen Wissens- und Diskurskontext bietet.
Die Kindertransporte im öffentlichen Bewusstsein in der Bundesrepublik Deutschland
Nachdem fast 60 Jahre lang wohl bei den meisten Ehemaligen kaum ein Bewusstsein darüber bestand, dass die Erfahrung der Kindertransporte eine kollektive Erfahrung war, kam es 1989, organisiert durch das ehemalige "Kind" Bertha Leverton, zum ersten Ehemaligentreffen in Großbritannien, an dem etwa 1000 Personen teilnahmen. Es folgten die Gründung von Ehemaligenvereinen (der "Reunion of Kindertransport" in Großbritannien mit Ableger in Israel sowie der US-amerikanischen "Kindertransport Association") und eine Publikation, die für das kollektive Bewusstsein der ehemaligen "Kinder" prägend wurde, die Anthologie "I Came Alone" mit hunderten Lebenserinnerungen, die 2000 bereits in neunter Auflage erschien und auch in deutscher Ausgabe hohe Auflagen erfuhr.[2]Bertha Leverton / Shmuel Lowensohn (Hrsg.), "I Came Alone. The Stories of the Kindertransport.", Lewes, Sussex 1990. Deutsche Ausgabe: Rebekka Göpfert (Hrsg.): "Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern", München 1994. Seit ein Teil der ehemals Betroffenen die Kindertransporte als sie alle verbindendes biografisches Element wiederentdeckt hat, wurden zahlreiche Memoiren publiziert, das Thema wurde mehrfach literarisch und filmisch adaptiert [3]Vor allem drei Filme sind zu nennen: Mark Jonathan Harris (Regie), "Into the Arms of Strangers" (2000); Melissa Hacker (Regie), "My Knees Were Jumping" (1997); zuletzt Käte Kratz (Regie), "Vielleicht habe ich Glück gehabt" (2002), Das Theaterstück "Kindertransport" von Diane Samuels wurde 1993 in London uraufgeführt; herausragend außerdem W. G. Sebalds "Austerlitz" (München 2001), eine literarische Adaption der Lebensgeschichte des "Kindes" Susi Bechhöfer. - hervorzuheben ist dabei der Roman "Austerlitz" von W. G. Sebald - und ist in der derzeitigen Erinnerungs- und Gedenkkultur insbesondere in Deutschland, aber auch in Großbritannien und den USA, sehr präsent.[4]Zur Erinnerungskultur der "Kinder" vgl. Rebekka Göpfert, "Kindertransport. Geschichte und Erinnerung", in: Wolfgang Benz / Claudia Curio /Andrea Hammel (Hrsg.), "Die Kindertransporte 1938/39. Rettung und Integration.", Frankfurt am Main 2003, S. 34-43. Den Lebensberichten der Zeitzeugen ist es vor allem zu verdanken, dass einer breiten Öffentlichkeit heute die Kindertransporte ein Begriff sind und dass relativ viel über die Erlebnisse der damaligen Flüchtlinge bekannt ist. Eine vollständige Aufzählung aller veröffentlichten Bücher ist an dieser Stelle nicht möglich. Die Arbeiten, darunter auch mehrere Anthologien, erschienen in der Regel auf Englisch und ab den 1990er Jahren zunehmend in deutscher Übersetzung.[5]Karen Gershon, "We Came as Children: A Collective Autobiography", London 1966 (deutsche Ausgabe: "Wir kamen als Kinder", Frankfurt am Main 1988); Leverton / Lowensohn (Hrsg.), "I Came Alone. The Stories of the Kindertransport.": literarische Umsetzungen z.B. Diane Samuels, "Kindertransport", New York 1992; Winfried G. Sebald, "Austerlitz", München 2001; Lore Segal, "Other People's Houses", New York 1964 (deutsche Ausgabe: "Wo andere Leute wohnen", Wien 2000).Stellvertretend für die zahlreiche Memoirenliteratur seien an dieser Stelle nur einige aktuellere Arbeiten genannt: Gideon Behrendt, "Mit dem Kindertransport in die Freiheit. Vom jüdischen Flüchtling zum Corporal O'Brian.", Frankfurt am Main 2001; Olga Levy Drucker, "Kindertransport. Allein auf der Flucht", Göttingen 1995 (englische Originalausgabe: "Kindertransport", New York 1992); Mona Golabek, "The Children of Willesden Lane: Beyond the Kindertransport", London 2002.
Neben den breiten publizistischen Aktivitäten ist die Bekanntheit des Themas auch jenen Zeitzeugen zu verdanken, die regelmäßig in Schulen von ihren Erlebnissen berichten. In aktuellen historischen Ausstellungen zu den Themenkomplexen Judenverfolgung und jüdisches Exil werden die Kindertransporte stets an disponierter Stelle thematisiert, so etwa in der großen Ausstellung "Heimat und Exil. Emigration der deutschen Juden nach 1933", die ab 2006 sowohl im Jüdischen Museum Berlin als auch im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen war, und in der Ausstellung "Aus Kindern wurden Briefe. Die Rettung jüdischer Kinder aus Nazi-Deutschland" im Berliner Centrum Judaicum 2004. Dies liegt sowohl daran, dass die Kindertransporte tatsächlich sowohl zahlenmäßig als auch in ihrer Dramatik ein wichtiges Kapitel der Emigration der deutschen Juden waren, als auch an den museumspädagogischen Chancen, die das Thema aufgrund des hohen Identifizierungspotentials insbesondere für die Arbeit mit jungen Besuchern bietet.
Zur Deutschlandpremiere des oscarprämierten Dokumentarfilms "Into the Arms of Strangers" (deutscher Titel: "Kindertransport - In eine fremde Welt"), der das historische Ereignis der Kindertransporte endgültig einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte, hielt der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 2000 die Einführungsrede: in der bundesrepublikanischen Kinogeschichte vermutlich ein einmaliges Vorkommnis, das deutlich macht, welchen Stellenwert dieser Teil der deutsch-jüdischen Geschichte mittlerweile im öffentlichen Erinnerungsdiskurs in Deutschland einnimmt.[6]"Kindertransport - In eine fremde Welt" - Einführungsrede von Bundeskanzler Gerhard Schröder anlässlich der Deutschlandpremiere am 20.11.2000.
Der wissenschaftliche Kontext: Aktivitäten zum Thema am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin
Eine Schwerpunktverschiebung innerhalb der internationalen Exilforschung, aber auch die seit dem Beginn der öffentlichen Treffen der ehemaligen Kinderflüchtlinge stärker vernehmbare Stimme dieser Zeitzeugen, führten in den letzten Jahren dazu, dass die Kindertransporte auch ins Blickfeld des wissenschaftlichen Interesses rückten.[7]U.a. Rebekka Göpfert, "Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39", Frankfurt am Main / New York 1998; Walter Laqueur, "Geboren in Deutschland. Der Exodus der jüdischen Jugend nach 1933", Berlin / München 2000. Ins 1998 erschienene Handbuch zur deutschsprachigen Emigration wurde ein Überblickskapitel zur Kindheit und Jugend im Exil sowie eines über Exilschulen aufgenommen.[8]Inge Hansen-Schaberg, "Kindheit und Jugend", in: Claus-Dieter Krohn / Patrick von zur Mühlen / Gerhard Paul / Lutz Winckler (Hrsg.), "Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-45", Darmsladt 1998, Sp. 81-94; Hildegard Feidel-Mertz, "Schulen", in: Ebd., Sp. 94-101. Die Jahrestagung der "Gesellschaft für Exilforschung" war 2004 dem Themenkomplex "Kindheit im Exil" gewidmet, das Jahrbuch der Gesellschaft erschien 2006 mit entsprechendem Schwerpunkt. Am Berliner "Zentrum für Antisemitismusforschung" der TU Berlin (ZfA) fand 2003 eine gemeinsam mit dem "Centre for German-Jewish Studies" (University of Sussex, Brighton) durchgeführte interdisziplinär ausgerichtete Konferenz zu den Kindertransporten statt. Im Ergebnis erschien 2003 im Fischer Taschenbuch Verlag der Band "Die Kindertransporte nach Großbritannien 1938/39 - Rettung und Integration", herausgegeben von Wolfgang Benz, Claudia Curie und Andrea Hammel, der über den wissenschaftlichen Kontext hinaus breite Beachtung fand und in allen großen Tageszeitungen rezensiert wurde. 2006 erschien die am "Zentrum für Antisemitismusforschung" erarbeitete Dissertation "Verfolgung, Flucht, Rettung. Die Kindertransporte 1938/39 nach Großbritannien" von Claudia Curio im Berliner Metropol Verlag. Die Ende Juni / Anfang Juli 2008 stattfindende Konferenz "Festung Europa. 70 Jahre nach Evian. Menschenrechte und Schutz von Flüchtlingen", die das ZfA anlässlich des Jahrestages der fatalen Konferenz von Evian 1938 gemeinsam mit "Pro Asyl" und dem Ausschluss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe im Deutschen Bundestag durchführte, legte einen Schwerpunkt auf das Thema Kindertransporte und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge heute. Der zur Tagung erscheinende Begleitband "Von Evian nach Brüssel. Menschenrechte und Schutz von Flüchtlingen" (von Loeper Literaturverlag; herausgegeben von Wolfgang Benz, Claudia Curio und Heiko Kauffmann) widmet ein Kapitel diesem Thema.Es kann konstatiert werden, dass in den letzten Jahren in Deutschland sowohl in der Wissenschaft als auch im Bereich der Erinnerungskultur eine Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Kindertransporte begonnen hat. Allerdings fehlt noch ein Erinnerungsort: eine Leerstelle, die das vorgeschlagene Denkmalsprojekt füllen könnte.
[1] Dr. Claudia Curio ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin und dort u.a. seit 2006 Geschäftsführerin der Sommeruniversität gegen Antisemitismus.
[2] Bertha Leverton / Shmuel Lowensohn (Hrsg.), "I Came Alone. The Stories of the Kindertransport.", Lewes, Sussex 1990. Deutsche Ausgabe: Rebekka Göpfert (Hrsg.): "Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern", München 1994.
[3] Vor allem drei Filme sind zu nennen: Mark Jonathan Harris (Regie), "Into the Arms of Strangers" (2000); Melissa Hacker (Regie), "My Knees Were Jumping" (1997); zuletzt Käte Kratz (Regie), "Vielleicht habe ich Glück gehabt" (2002), Das Theaterstück "Kindertransport" von Diane Samuels wurde 1993 in London uraufgeführt; herausragend außerdem W. G. Sebalds "Austerlitz" (München 2001), eine literarische Adaption der Lebensgeschichte des "Kindes" Susi Bechhöfer.
[4] Zur Erinnerungskultur der "Kinder" vgl. Rebekka Göpfert, "Kindertransport. Geschichte und Erinnerung", in: Wolfgang Benz / Claudia Curio /Andrea Hammel (Hrsg.), "Die Kindertransporte 1938/39. Rettung und Integration.", Frankfurt am Main 2003, S. 34-43.
[5] Karen Gershon, "We Came as Children: A Collective Autobiography", London 1966 (deutsche Ausgabe: "Wir kamen als Kinder", Frankfurt am Main 1988); Leverton / Lowensohn (Hrsg.), "I Came Alone. The Stories of the Kindertransport.": literarische Umsetzungen z.B. Diane Samuels, "Kindertransport", New York 1992; Winfried G. Sebald, "Austerlitz", München 2001; Lore Segal, "Other People's Houses", New York 1964 (deutsche Ausgabe: "Wo andere Leute wohnen", Wien 2000).
Stellvertretend für die zahlreiche Memoirenliteratur seien an dieser Stelle nur einige aktuellere Arbeiten genannt: Gideon Behrendt, "Mit dem Kindertransport in die Freiheit. Vom jüdischen Flüchtling zum Corporal O'Brian.", Frankfurt am Main 2001; Olga Levy Drucker, "Kindertransport. Allein auf der Flucht", Göttingen 1995 (englische Originalausgabe: "Kindertransport", New York 1992); Mona Golabek, "The Children of Willesden Lane: Beyond the Kindertransport", London 2002.
[6] "Kindertransport - In eine fremde Welt" - Einführungsrede von Bundeskanzler Gerhard Schröder anlässlich der Deutschlandpremiere am 20.11.2000 (http://archiv.bundesregierung.de/bpaexport/rede/01/24401/multi.htm).
[7] U.a. Rebekka Göpfert, "Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39", Frankfurt am Main / New York 1998; Walter Laqueur, "Geboren in Deutschland. Der Exodus der jüdischen Jugend nach 1933", Berlin / München 2000.
[8] Inge Hansen-Schaberg, "Kindheit und Jugend", in: Claus-Dieter Krohn / Patrick von zur Mühlen / Gerhard Paul / Lutz Winckler (Hrsg.), "Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-45", Darmsladt 1998, Sp. 81-94; Hildegard Feidel-Mertz, "Schulen", in: Ebd., Sp. 94-101.
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