Presseberichte
Züge ins Leben und in den Tod
Es hat lange gedauert. Und erst durch die Initiative des Bezirks Mitte und allen voran seines Bürgermeisters Christian Hanke (SPD) ist ein Mahnmal an authentischem Ort errichtet worden.
Von Rainer L. Hein & Anemi Wick
Berliner Morgenpost, 1. Dezember 2008
Gestern, am 70. Jahrestag der Transporte jüdischer Kinder nach England, enthüllte Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch zusammen mit Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) die Skulptur des israelischen Künstlers Frank Meisler vor dem Südwesteingang des Bahnhofs Friedrichstraße.
Meisler selbst gehörte zu den 10 000 Kindern, die ab dem 30. November 1938 bis zu Kriegsbeginn der Massenvernichtung der Nazis entfliehen konnten. Ihnen gilt das Denkmal, gleichzeitig stelle die Skulptur laut der Initiative "Kindertransporte: Züge ins Leben - Züge in den Tod" den Zusammenhang zwischen der Rettung durch die Kindertransporte und der Deportation vieler jüdischer Kinder dar. So zeige das Denkmal insgesamt sieben Kinder. Zwei Figuren stehen dabei symbolisch für die geretteten Kinder, fünf für die, die zurückbleiben mussten und dann deportiert wurden.
Neben Frank Meisler nahmen knapp 100 ehemalige Transportkinder aus aller Welt an der Zeremonie an der Ecke Georgen-/Friedrichstraße teil. Sie kamen aus New York, Jerusalem, London und Wien an den Ort zurück, der für sie Weiterleben bedeutete. "Ich hatte das große Glück, mit dem ersten Kindertransport Berlin verlassen zu können", sagte der Zeitzeuge Leslie Brent aus London. Seine Eltern hätten ihn unter großem Kummer gehen lassen. Sie wurden später ermordet. Für die Initiatorin der Mahnmalaktion "Kindertransporte", Lisa Schäfer, geht ein langer Kampf glücklich zu Ende. "Während die Stadt Berlin immer wieder die Aufstellung des Kunstwerks für die Holocaust-Opfer mit für mich fadenscheinigen Argumenten verschleppte, war der Bezirk die Rettung", sagte sie. Hier schloss man sich den Befürwortern der Bronze-Erinnerungsskulptur an.
Neben Innensenator Ehrhart Körting und der stellvertretenden Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Karin Seidel-Kalmutzki (beide SPD), hatte auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, zum Bau des Mahnmals gedrängt. Auch das Internationale Auschwitzkomitee und der Trägerverein "Zug der Erinnerung" waren dafür.
Eine wesentliche Antriebsfeder für das Aufstellen der Skulptur waren auch die Polizeianwärter der Landespolizeischule Ruhleben. Zusammen mit ihren Ausbildern Detlef Thiele und Dieter Herrig sowie der Initiatorin Lisa Schäfer hatten sie mehrfach in London das Imperial War Museum besucht. Dort informierten sie sich in der Holocaust-Abteilung durch Zeitzeugen über die Kindertransporte und besuchten die Meisler-Skulptur, die in London steht, dem damaligen Ziel der Transporte. Ihre einhellige Meinung war: "Das Pendant muss unbedingt am Bahnhof Friedrichstraße stehen, denn hier begannen die Transporte." Bei der Berliner Polizeispitze erhielten sie die nötige Unterstützung. Daher übernahm auch Polizeipräsident Dieter Glietsch die Einweihungszeremonie. Die Gespräche mit den Zeitzeugen würde den Polizeianwärtern helfen, "nie zu vergessen, dass wir in erster Linie der Menschlichkeit verpflichtet sind", sagte Glietsch. Baustadtrat Ephraim Gothe sagte, er halte diesen Ort mitten im Zentrum der Hauptstadt als sehr geeignet, um an dieses Kapitel der Verfolgung zu erinnern.
Zur Feier hatten sich die Polizeischüler etwas Besonderes ausgedacht: Je ein Schüler übernahm die Patenschaft eines der anwesenden Zeitzeugen. "Auf persönlicher Ebene soll so ein Kontakt mit jungen Menschen aus Deutschland aufgebaut werden", erklärte Lisa Schäfer.
Das Pendant der Bronzeskulptur des Künstlers Frank Meisler steht bereits als Erinnerung an die Kindertransporte mitten in London. Am U-Bahnhof Liverpool Street Station wurde im September 2006 das Mahnmal enthüllt - vom Schirmherrn selbst, dem britischen Thronfolger Prinz Charles. Es zeigt fünf Kinder hinter einem Bahngleis. Nach Vorstellung des Künstlers soll das die Rettung vor der Vernichtung bedeuten. "Die Bahngleise als Endpunkt", so Frank Meisler.
Denkmal Kindertransporte eingeweiht
Deutschlandradio Kultur, Fazit, 30.11.2008, 23.31 Uhr
Autor: Gerald Bayrodt, BerlinAudio-Player
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Kindertransporte: Denkmal zur Erinnerung an Rettung jüdischer Kinder durch britische Regierung eingeweiht
Das Erste, Tagesschau, 30.11.2008, 20.00 Uhr
Denkmal für jüdische Flüchtlingskinder
RBB, Abendschau, 30.11.2008, 19.30 Uhr
"Meine Mutter war dabei" - Vor 70 Jahren begannen die Kindertransporte
rbb InfoRadio, Babylon, 30.11.2008, 8.25 Uhr
Autor: Gerald Bayrodt, BerlinAudio-Player
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Denkmal erinnert an Kindertransporte
Neue Skulptur wird an Friedrichstraße übergeben Jüdische Mädchen und Jungen flohen von hier aus
Der Tagesspiegel, 29. November 2008
Frank Meisler hat viele Kunstwerke geschaffen. An keinem aber hat er mit so viel Emotionen gearbeitet wie an dieser Skulptur, die am Sonntag um 14 Uhr eingeweiht wird. Meisler, ein kleiner, feiner Herr von über 80 Jahren hat ein Denkmal geschaffen, das an die jüdischen Kindertransporte erinnern soll, mit denen zwischen 1938 und 1945 tausende jüdische Kinder nach England entkommen konnten. Die Transporte gingen auch vom Bahnhof Friedrichstraße los. Deshalb wird das Denkmal an der Ecke Georgenstraße/Friedrichstraße aufgebaut.
Die Skulptur zeigt auf einer Fläche von sechs Quadratmetern eine Gruppe von sieben fast lebensgroßen Figuren, die Jungen und Mädchen aus den 30er Jahren nachempfunden sind, mit Zöpfen, Schulranzen, Schiebermütze und aufgenähtem Davidstern. Fünf Figuren in grauer Bronze blicken zur einen Seite und sollen die 1,5 Millionen Kinder symbolisieren, die in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet wurden. Zwei Kinderfiguren aus hellerer Bronze schauen in die andere Richtung und stehen für die 10 000 geretteten Mädchen und Jungen. Auch Frank Meisler ist als kleiner Junge im August 1939 am Bahnhof Friedrichstraße in einen der Züge in die Freiheit gestiegen. Seine Jugend verbrachte er in England, heute lebt er in Israel. Am Sonntag jährt sich die Abfahrt des ersten Kindertransports zum 70. Mal. An der Einweihung des Denkmals wollen auch der Baustadtrat von Mitte, Ephraim Gothe (SPD), Polizeipräsident Dieter Glietsch und Vertreter der Jüdischen Gemeinde teilnehmen. Es ist das erste Denkmal in Berlin, das an die Kindertransporte erinnert.
(clk)
Denkmal Kindertransporte zur NS-Zeit
Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 28.11.2008, 06.41 Uhr
Autorin: Dorothea Jung, BerlinAudio-Player
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Kurzer Abschied für immer. Kindertransport hieß Überleben.
Gastbeitrag von Dirk Stegemann (Berliner Initiative "Zug der Erinnerung" & Unterstützer der Initiative "Gedenkskulptur")
28. November 2008Wenn Kinder heute ohne ihre Eltern verreisen, ist das normal. Sorgsam wird das Kuscheltier, das Lieblingsbuch, die Lieblings-CD, die Lieblings-"Klamotten" und natürlich das Handy eingepackt. Man muss ja Kontakt zu den Eltern und FreundInnen halten können. Anschließend bringen die Eltern ihre Kinder zum Bahnhof. Es wird sich umarmt und gewunken. Ein Abschied. Aber keiner für immer.
70 Jahre früher, am 1. Dezember 1938 fuhr der erste Kindertransport vom Anhalter Bahnhof mit 196 Kindern nach London. Kein Urlaub, keine Ferienreise - sondern der Beginn einer einmaligen Rettungsaktion für ca. 10.000 jüdische Kinder, die bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges andauern sollte. Ein kleiner Koffer mit dem Notwendigsten in aller Eile zusammengepackt, ein kurzer schmerzvoller Abschied, nur wenig ungewisse Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Eltern, Geschwistern und FreundInnen, dass war das Einzige was diese Kinder mitnehmen konnten in ein fremdes, unbekanntes Land. Doch Kindertransport hieß Überleben. Für ca. 1,5 Millionen zurückgebliebene Kinder blieb nur die Deportation und der Tod.
Daran wird jetzt eine Gedenkskulptur am Bahnhof Friedrichstraße erinnern, die am 30. November enthüllt wird. Die Skulptur besteht aus zwei Personengruppen, die in entgegengesetzte Richtungen gehen. Fünf Kinder, die farblich mit dem Grau des Holocaust-Mahnmals an den Ministergärten abgestimmt sind, stehen stellvertretend für alle Minderjährigen, die nicht gerettet werden konnten und deportiert und ermordet wurden. Zwei Kinder symbolisieren die 10.000 Jungen und Mädchen der Kindertransporte und werden im Bronzeton dargestellt. An einer Schiene wird zu lesen sein: "Züge ins das Leben - Züge in den Tod. 1938-1945. Trains to live - Trains to death".
Die symbolische Trennung für die zeitlichen Unterschiede zwischen den Zügen ins Leben und den Zügen in den Tod, wird durch unterschiedliche Farbgebung und Ausrichtung sowie einem Stapel Koffer und anderer Gepäckstücke zwischen den beiden Gruppen dargestellt. Ein jugendliches Mädchen der Gruppe die für die deportierten Kinder steht, wird einen "Judenstern" tragen. Um die zeitlich nicht zusammenfallenden Ereignisse der Kindertransporte von 1938/1939, der Deportationen ab 1941 sowie der Polizeiverordnung vom 1. September 1941, die das zwangsweise Tragen des "Judensterns" anordnete, historisch korrekt zu erklären, plante die Initiative "Gedenkskulptur" gemeinsam mit der Gedenktafelkomission Berlin-Mitte schon zu Beginn zwei erklärende Informationstafeln. Das die Kindertransporte nicht insbesondere vom Bahnhof Friedrichstraße, sondern von vielen anderen Bahnhöfen in Berlin abgefahren sind, ist ebenso Inhalt dieser Tafeln, wie die historischen Zusammenhänge.
Dank gebührt dem Bezirksamt Berlin-Mitte, dem Bürgermeister sowie dem überwiegenden Teil der Bezirksverordneten-Fraktionen, die durch ihre Unterstützung und dem Beschluss zur Umsetzung des Projektes die Einweihung der Skulptur des Künstlers Frank Meisler, selbst Überlebender der Kindertransporte, ermöglicht haben. Als demokratisch gewählte Vertreter des Bezirkes Mitte nutzten sie die gesetzlichen Möglichkeiten um diese Schenkung durch den Bezirk anzunehmen. Damit kann diese Skulptur ab Sonntag die visuelle Achse mit den Gedenkskulpturen in London und Wien u. a. durch die gewählte künstlerische Darstellung ergänzen.
Es gibt natürlich kaum ein Denkmahl, das keine vereinzelten Kritiker hat. Es war uns ein Anliegen diese in das Projekt einzubeziehen und konstruktiv mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Damit wurde das Angebot verbunden bei der Erstellung der Gedenktafeln inhaltlich mitzuwirken, da eine historisch korrekte Darstellung im Interesse aller ist.
Zur Einweihung am 30. November 2008 werden 50 bis 60 Zeitzeugen aus Berlin und aller Welt erwartet.
Ist das Mahnmal zu kitschig?
Dirk Stegemann zur Skulptur, die an die Rettung jüdischer Kinder erinnert / Der Mitarbeiter der Berliner Initiative "Kinderskulptur" ist auch Initiator des Zuges der Erinnerung
Interview von Andreas Heinz
Neues Deutschland, 6. November 2008
ND: Wann entstand der Gedanke, mit einer Skulptur an den Transport zur Rettung jüdischer Kinder im Jahre 1938 vom Bahnhof Berlin-Friedrichstraße nach Großbritannien zu erinnern?
Stegemann: Der Gedanke, am Bahnhof Friedrichstraße mit einer Skulptur an die Transporte zu erinnern, entstand im Jahr 2000. Projektkoordinatorin Lisa Schäfer traf damals in London Bertha Leverton bei einem Treffen der Kinder dieser Transporte. Sie nennen sich heute noch so. Leverton ist Autorin des Buches "I came alone" und Gründerin des Vereins ROK (Reunion Of Kindertransport).
Wie ging es weiter?
Die erste Skulptur war ein überdimensionaler gläserner Koffer der Künstlerin Flor Kent. Das Mahnmal wurde 2003 an der Liverpool-Street-Station in London aufgestellt, Treffpunkt der Kinder mit den Pflegeeltern. Das Projekt musste jedoch aus technischen Gründen abgebrochen werden.
Wie wurde stattdessen erinnert?
Seit 2006 steht dort auf Initiative von Prinz Charles eine bronzene Figurengruppe, die die Ankunft der Kinder in London symbolisiert. Geschaffen wurde sie vom Architekten Frank Meisler, der selbst mit Hilfe der Kindertransporte überlebte. Ein weiteres Denkmal wurde im März dieses Jahres am Wiener Westbahnhof eingeweiht - die von Flor Kent geschaffene Skulptur "Für das Kind". Die Kindergruppe, die am 30. November in Berlin aufgestellt wird, bildet einen weiteren wichtigen Haltepunkt im Netz der Schienenwege, auf denen damals jüdische Kinder aus Nazi-Deutschland gerettet werden konnten. Ein weiteres Mahnmal ist in Gdansk geplant.
Weshalb wurden figürliche Darstellungen gewählt?
Durch die figürliche Darstellung wird ein visueller Bezug zwischen den Skulpturen sowie auch zwischen den Haltepunkten der Transporte hergestellt. Gleichzeitig werden meines Erachtens mit einer Skulptur Passanten mehr angesprochen als durch abstrakte Kunst. Das war uns wichtig, auch wenn wir das Büro für Kunst im öffentlichen Raum nicht überzeugen konnten.
Berlins Senatskulturverwaltung lehnte die Aufstellung der Skulptur erst einmal ab. Warum?
Das Büro für Kunst im öffentlichen Raum berät die Senatsverwaltung und kritisierte die Kindergruppe als "Motiv einer unbefangenen Klassenfahrt". Die Darstellung sei kitschig und entspreche nicht der zeitgenössischen Kunst. Alle Versuche von Seiten unserer Initiative, diese Argumente zu widerlegen, scheiterten.
Wir bleiben aber dabei: Kunst liegt im Auge des Betrachters und Diskussionen sind erlaubt. Sie sollten nur nicht das Anliegen überlagern. Während Innensenator Ehrhart Körting und die Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses, Karin Seidel-Kamutzki, das Projekt befürworteten, beharrte die Senatsverwaltung auf einer Ausschreibung.
Was sagte der zuständige Bezirk Mitte zu den Plänen?
Wir sind froh, dass nach mehrfacher Ablehnung des Projekts das Bezirksamt Mitte einen Beschluss zur Annahme der Schenkung dieser Skulptur von Frank Meisler fasste. Entscheidenden Anteil daran hatten Bürgermeister Christian Hanke und Volker Hobrack, der Vorsitzende der Gedenktafelkommission Mitte und Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung.
Ist bekannt, wie viele Kinder gerettet werden konnten?
Über 10.000 jüdische Kinder konnten auf diese Weise aus Nazi-Deutschland entkommen.
Ist das Mahnmal zu kitschig?
Dirk Stegemann zur Skulptur, die an die Rettung jüdischer Kinder erinnert / Der Mitarbeiter der Berliner Initiative "Kinderskulptur" ist auch Initiator des Zuges der Erinnerung
Interview von Andreas Heinz
Neues Deutschland, 6. November 2008
ND: Wann entstand der Gedanke, mit einer Skulptur an den Transport zur Rettung jüdischer Kinder im Jahre 1938 vom Bahnhof Berlin-Friedrichstraße nach Großbritannien zu erinnern?
Stegemann: Der Gedanke, am Bahnhof Friedrichstraße mit einer Skulptur an die Transporte zu erinnern, entstand im Jahr 2000. Projektkoordinatorin Lisa Schäfer traf damals in London Bertha Leverton bei einem Treffen der Kinder dieser Transporte. Sie nennen sich heute noch so. Leverton ist Autorin des Buches "I came alone" und Gründerin des Vereins ROK (Reunion Of Kindertransport).
Wie ging es weiter?
Die erste Skulptur war ein überdimensionaler gläserner Koffer der Künstlerin Flor Kent. Das Mahnmal wurde 2003 an der Liverpool-Street-Station in London aufgestellt, Treffpunkt der Kinder mit den Pflegeeltern. Das Projekt musste jedoch aus technischen Gründen abgebrochen werden.
Wie wurde stattdessen erinnert?
Seit 2006 steht dort auf Initiative von Prinz Charles eine bronzene Figurengruppe, die die Ankunft der Kinder in London symbolisiert. Geschaffen wurde sie vom Architekten Frank Meisler, der selbst mit Hilfe der Kindertransporte überlebte. Ein weiteres Denkmal wurde im März dieses Jahres am Wiener Westbahnhof eingeweiht - die von Flor Kent geschaffene Skulptur "Für das Kind". Die Kindergruppe, die am 30. November in Berlin aufgestellt wird, bildet einen weiteren wichtigen Haltepunkt im Netz der Schienenwege, auf denen damals jüdische Kinder aus Nazi-Deutschland gerettet werden konnten. Ein weiteres Mahnmal ist in Gdansk geplant.
Weshalb wurden figürliche Darstellungen gewählt?
Durch die figürliche Darstellung wird ein visueller Bezug zwischen den Skulpturen sowie auch zwischen den Haltepunkten der Transporte hergestellt. Gleichzeitig werden meines Erachtens mit einer Skulptur Passanten mehr angesprochen als durch abstrakte Kunst. Das war uns wichtig, auch wenn wir das Büro für Kunst im öffentlichen Raum nicht überzeugen konnten.
Berlins Senatskulturverwaltung lehnte die Aufstellung der Skulptur erst einmal ab. Warum?
Das Büro für Kunst im öffentlichen Raum berät die Senatsverwaltung und kritisierte die Kindergruppe als "Motiv einer unbefangenen Klassenfahrt". Die Darstellung sei kitschig und entspreche nicht der zeitgenössischen Kunst. Alle Versuche von Seiten unserer Initiative, diese Argumente zu widerlegen, scheiterten.
Wir bleiben aber dabei: Kunst liegt im Auge des Betrachters und Diskussionen sind erlaubt. Sie sollten nur nicht das Anliegen überlagern. Während Innensenator Ehrhart Körting und die Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses, Karin Seidel-Kamutzki, das Projekt befürworteten, beharrte die Senatsverwaltung auf einer Ausschreibung.
Was sagte der zuständige Bezirk Mitte zu den Plänen?
Wir sind froh, dass nach mehrfacher Ablehnung des Projekts das Bezirksamt Mitte einen Beschluss zur Annahme der Schenkung dieser Skulptur von Frank Meisler fasste. Entscheidenden Anteil daran hatten Bürgermeister Christian Hanke und Volker Hobrack, der Vorsitzende der Gedenktafelkommission Mitte und Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung.
Ist bekannt, wie viele Kinder gerettet werden konnten?
Über 10.000 jüdische Kinder konnten auf diese Weise aus Nazi-Deutschland entkommen.
Baubeginn für Mahnmal der Kindertransporte
Pünktlich zum 70. Jahrestag des Beginns der Transporte jüdischer Kinder nach England soll am 30. November vor dem Bahnhof Friedrichstraße eine Gedenkskulptur enthüllt werden.
Berliner Morgenpost, 28. Oktober 2008
In diesen Tagen haben die Vorarbeiten für das Mahnmal an der Ecke Georgen-/Friedrichstraße begonnen. Noch in dieser Woche soll das Fundament gegossen werden.
Nach Auskunft von Mahnmal-Initiatorin Lisa Schäfer hat das Bezirksamt Mitte erst Anfang Oktober grünes Licht für das Vorhaben gegeben. Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) setzte sich für die Aufstellung des Kunstwerks des israelischen Bildhauers Frank Meisler ein, nachdem die Berliner Senatsverwaltung die Genehmigung immer wieder hinausgezögert hatte. In Gesprächen mit Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) und dem Bezirk wurden die Vorbehalte inzwischen jedoch ausgeräumt, heißt es.
Die Skulptur aus Bronze zeigt eine Kindergruppe, die an einem Schienenstrang auf den Transport nach England wartet. Das Pendant steht seit dem Jahr 2003 in London am Bahnhof Liverpool Street.
Insgesamt waren es rund 10 000 Jungen und Mädchen, die nach der Pogromnacht den KZ-Vernichtungslagern in Auschwitz, Buchenwald, Treblinka oder anderswo entkommen konnten. Sie waren in Deutschland nicht erwünscht und flohen nach England, in das einzige Land, das sie aufnahm, während andere Staaten die Grenzen für Kinder ohne Eltern schlossen. Am 1. Dezember 1938 startete der erste Kindertransport vom Bahnhof Friedrichstraße nach Großbritannien.
Berlin memorial will remember Kindertransport
By JTA Staff
Jewish Telegraphic Agency, October 23, 2008
A new memorial dedicated to the 10,000 Jewish children spirited out of Nazi Germany to Britain 70 years ago will be unveiled in Berlin.
Designed by artist and eyewitness Frank Meisler, the sculpture depicts children about to board a train as part of the "Kindertransport," which is how Meisler himself survived. Many of those children never saw their parents again.
The memorial, schedule to be unveiled on Nov. 30, will stand outside Berlin’s Friedrichstrasse train station, from which the first emergency transports of Jewish children from Germany and Austria took off for England on Dec. 1, 1938, less than a month after the Kristallnacht pogrom of Nov. 9, 1938. The transports stopped with the outbreak of World War II in September 1939.
Meisler’s new sculpture has a counterpart outside Liverpool Street Station, which is where he arrived at the end of August 1939 with 14 other children from his home city of Danzig, today Gdansk, Poland.
Another of his sculptures of Kindertransport children was dedicated last March at the Westbahnhof in Vienna.
The artist and architect has lived in Israel since 1960.
Berlin’s Mitte district council approved Meisel’s gift of the memorial sculpture, overcoming aesthetic differences with the city’s cultural department. Titled "Trains to life - and trains to death," it depicts older children on their way to safety, taking leave of younger children not permitted to come along, who were ultimately deported and murdered.
The project was coordinated by Lisa Schäfer and supported by the Jewish Community of Berlin, the International Auschwitz Committee, the "Train of Remembrance" project, District Mayor Christian Hanke and Berlin’s Commissioner for Domestic Affairs Ehrhart Körting.
Mahnmal erinnert an "Züge ins Leben"
Kindertransporte retteten 10000 Jungen und Mädchen vor Deportationen. Neue Gedenkskulptur in Berlin
Von Dirk Stegemann
Junge Welt, 15. Oktober 2008
Am 1. Dezember ist es 70 Jahre her, daß der erste Kindertransport vom Bahnhof Friedrichstraße in Berlin nach Großbritannien abfuhr. Insgesamt waren es rund 10000 Jungen und Mädchen, die durch diese Fahrten nach der Pogromnacht vor den KZ-Vernichtungslagern gerettet werden konnten. An diese Züge soll nun eine Skulptur erinnern, die am 30. November 2008 vor dem Bahnhof Friedrichstraße eingeweiht werden soll. Das wurde erst möglich, nachdem das Bezirksamt Mitte per Beschluß die Schenkung durch den Künstler und Zeitzeugen Frank Meisler angenommen hatte. Auseinandersetzungen hatte es im Vorfeld lediglich mit der Senatsverwaltung für Kultur gegeben, die das Mahnmal wegen ästhetischer Bedenken ablehnte.
Die Skulptur besteht aus zwei Personengruppen, die in entgegengesetzte Richtungen gehen. Fünf Kinder, die farblich mit dem Grau der Holocaust-Gedenkstätte in den Ministergärten abgestimmt sind, stehen stellvertretend für alle Minderjährigen, die nicht gerettet werden konnten und deportiert und ermordet wurden. Zwei Kinder symbolisieren die 10000 Jungen und Mädchen der Kindertransporte und werden im Bronzeton dargestellt. Am Schienenstrang wird zu lesen sein: "Züge ins Leben - und Züge in den Tod".
Unterstützt wird die Initiative, die von Lisa Schäfer koordiniert wird, unter anderem von der Jüdischen Gemeinde, dem Internationalen Auschwitzkomitees, der Initiative "Zug der Erinnerung/Haltestelle Berlin", Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) sowie Innensenator Ehrhart Körting (SPD).
Denkmal Kindertransporte
Ende November wird mit einer Skulptur an die Rettung jüdischer kinder erinnert
Von Lisa Schäfer, Initiative Berliner Kinderskulptur
blz - die Zeitschrift der GEW BERLIN, Oktober 2008
Es wird gerade in Tel Aviv gepackt, das Geschenk für den Berliner Stadtbezirk Mitte. Der Künstler Frank Meisler will der Stadt Berlin im siebzigsten Jahr der Kindertransporte sieben Kinder aus Bronze schenken. Kinder, die an die Rettungsaktion des britischen Parlaments erinnern. Mit den Kindertransporten wurden in nur neun Monaten bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 10 000 vorwiegend jüdische Kinder im Alter von vier Monaten bis sechzehn Jahren vor der drohenden Vernichtung gerettet.
Sie fuhren allein, ohne Eltern und in ein Land, dessen Sprache und dessen Menschen sie nicht kannten. Der Künstler ist eines der Kinder. Er kam mit dem letzten Zug aus Danzig und verließ einen Tag vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Deutschland. Drei Tage später wurden seine Eltern ins Warschauer Ghetto und später nach Auschwitz deportiert. Dass der Abschied von den Eltern am Bahnhof in Danzig ein Abschied für immer war, erfuhr er erst nach Kriegsende. Wie viele der Kinder hatte auch er sechs Jahre vergeblich auf ein Wiedersehen mit den Eltern gehofft.
An die geretteten Kinder erinnert seit September 2006 ein Denkmal in der Londoner Liverpool Street, das Meisler, inzwischen Bildhauer in Tel Aviv, entworfen und gestaltet hat. Manchmal legen Passanten frische Blumen nieder. Hier, an der Bahnstation, wo die Flüchtlingskinder ihre Pflegeeltern trafen. In Wien wird seit März 2008 mit einer Skulptur am Westbahnhof an die Kindertransporte erinnert, finanziert von der Bundesbahn Österreich. In den Londoner Familien ist die Erinnerung an die jüdischen Kinder noch sehr wach, denn in jeder achten Familie gab es ein Flüchtlingskind aus Deutschland, Österreich, Polen oder der Tschechoslowakei. Als 2006 in London Meislers Skulptur aufgestellt wurde, hatte Prinz Charles die Schirmherrschaft übernommen. Ebenso selbstverständlich und unbürokratisch wie 1938 die britische Regierung entschied, die Kinder vor der drohenden Vernichtung durch die Nationalsozialisten zu schützen und sie nach Großbritannien zu holen: Am 1. Dezember 1938 fuhr der erste Transport vom Anhalter Bahnhof ab, dessen Gebäude von Bomben zerstört wurde und der heute eine Ruine ist, umgeben mit einer Rasenfläche.
Frank Meislers "Berliner Kinder" werden am Bahnhof Friedrichstraße stehen, mitten in Berlin. Da wo man ihnen Beachtung schenkt, die ihnen Generationen verweigert haben. Wo die vorbeihastenden Passanten ihre Botschaft mitnehmen können. Polizeischüler der Polizeischule Ruhleben werden die sieben Kinder aus Bronze besonders schützen: Zwei der Kinder sind auf dem Weg zu den rettenden Zügen nach England, die zurückbleibenden fünf Geschwister und Freunde gehen in die andere Richtung, zu den Zügen in den Tod.
Die Abgeordneten des Stadtbezirkes Mitte und die Senatskanzlei haben sich nach langen Überlegungen für das Geschenk aus Tel Aviv entschieden. Am 30. November werden die Kinder aus Bronze in der Friedrichstraße zu sehen sein. Die Skulptur wird auch künftig für Diskussionen über die Kindertransporte, über den politischen Auftrag der demokratischen Erinnerungskultur und Ästhetik sorgen. Denn die Annahme des Geschenks aus Tel Aviv wäre beinahe an ästhetischen Bedenken gescheitert.
Die hochbetagten Zeitzeugen suchen nun den Dialog mit SchülerInnen und Lehrkräften in Deutschland und überall dort, wo man ihnen zuhören möchte. Sie nehmen weite Wege auf sich, kommen von London, Israel oder New York. Das "Theater an der Parkaue" in Berlin-Lichtenberg nimmt anlässlich der Denkmalaufstellung ihr Stück über die Kindertransporte wieder in den Novemberspiel plan auf. Der oscarprämierte Dokumentarfilm "Into the arms of strangers - Kindertransport in eine fremde Welt" wird von der Initiative der Berliner Kinder skulptur kostenlos zur Verfügung gestellt.
Mit dem Zug in die Freiheit
Vom Bahnhof Friedrichstraße entkamen 1938/39 Tausende jüdische Kinder nach England. Ein Denkmal soll bald an sie erinnern.
Von Claudia Keller
DerTagesspiegel, 16. August 2008
Diese Woche ist er die Strecke noch einmal gefahren: von Danzig mit dem Nachtzug nach Berlin-Friedrichstraße. Diesmal ist er im Schlafwagen gereist. Letztes Mal im Viehwaggon. Männer der Gestapo hatten ihn und 15 andere Kinder eingesperrt. Das war im August 1939. Frank Meisler, ein jüdischer Junge, war zehn Jahre alt.
Als der Zug morgens am Bahnhof Friedrichstraße ankam, stand Tante Adele am Gleis. "Bananen", sagt Meisler, "sie hatte mir Bananen gekauft." Daran könne er sich noch gut erinnern. Und dass ihn die Tante in den Arm genommen hat. Ein paar Stunden später stieg der Junge in einen anderen Waggon, der ihn an die holländische Küste brachte. Von dort ging es mit dem Schiff nach England und mit dem Zug nach London, zur Liverpool Street Station. Das Leben des Jungen war gerettet. So wie das von 10 000 anderen Kindern auch, die die Nazis mit Kindertransporten nach England entkommen ließen.
Meisler ist heute ein kleiner, feiner Herr von 81 Jahren, der immer noch gut Deutsch spricht. Zu Hause ist er im Englischen und Hebräischen, er pendelt zwischen einer Wohnung in London und einer in Tel Aviv. In letzter Zeit war er öfter in Berlin, denn er möchte der deutschen Hauptstadt ein Geschenk machen: Er hat eine Skulptur entworfen, die an die Kindertransporte erinnern soll und die er gerne als Denkmal am Bahnhof Friedrichstraße aufstellen möchte.
Der Senat wollte das Geschenk nicht annehmen, wohl aus ästhetischen Gründen, wie es aus Senatskreisen heißt. Die Bronzeskulptur zeigt auf einer Fläche von sechs Quadratmetern eine Gruppe von sieben fast lebensgroßen Figuren, die Jungen und Mädchen aus den 30er Jahren nachempfunden sind, mit Zöpfen, Schulranzen, Schiebermütze und aufgenähtem Davidstern. Fünf Figuren in grauer Bronze blicken zur einen Seite und sollen die 1,5 Millionen Kinder symbolisieren, die in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet wurden. Zwei Kinderfiguren aus hellerer Bronze schauen in die andere Richtung und stehen für die 10 000 geretteten Mädchen und Jungen. Anders als der Senat lässt sich der Bezirk Mitte gerne beschenken und hat mit Frank Meisler auch schon einen Termin zur Aufstellung der Figurengruppe vereinbart. Am 30. November soll es so weit sein. Dann jährt sich die Abfahrt des ersten Kindertransports zum 70. Mal.
Sieh zu, dass aus dir was wird, hat ihm sein Vater beim Abschied am Zug mit auf den Weg gegeben. Er solle studieren, am besten Architektur. Drei Tage, nachdem ihr Sohn mit dem Waggon in die Freiheit gefahren war, wurden Vater und Mutter verhaftet, ins Warschauer Ghetto deportiert und später in Auschwitz ermordet. Der Junge hat sich an den Rat des Vaters gehalten. In London wurde ein eifriger Gymnasiast aus ihm und später ein Architekt. Er baute am Flughafen Heathrow mit und entwarf Häuser. Seine Leidenschaft aber galt der Kunst. Irgendwann fing er an, Skulpturen zu entwerfen. In Jerusalem erinnert eine sieben Meter hohe Skulptur an gefallene Soldaten, eine andere an Staatsgründer Ben Gurion.
"Ich arbeite oft abstrakt", sagt er. "Das Denkmal, das an den Kindertransport erinnert, muss aber figürlich sein." Gerade weil jeden Tag so viele Menschen zum Bahnhof Friedrichstraße kommen, müssten sie sich mit der Skulptur identifizieren können. Sonst würden sie vorbeilaufen. Mit einem abstrakten Kunstwerk wie dem Mahnmal für die ermordeten Juden Europas könne man sich nicht identifizieren. "Die Menschen, die man getötet hat, waren keine Betonklötze, sondern Menschen, die Pläne hatten und Seelen. Man sollte sie nicht abstrakt darstellen."
Vom Bahnhof Friedrichstraße in Berlin fuhren die jüdischen Kinder los. Am Bahnhof Liverpool Street Station in London kamen sie an. Dort erinnert seit zwei Jahren ebenfalls eine bronzene Skulptur von Frank Meisler an sie. Prince Charles hatte die Idee dazu. "Die jüdischen Kinder waren eine Bereicherung für England", habe ihm der Prinz bei einem Essen gesagt. Aus den Kindern seien anständige Bürger geworden, aus etlichen Ärzte, Schriftsteller, Architekten. Ihnen wollte der Prinz ein Denkmal setzen.
Die Kinder kamen in England mit einem Koffer an. Sie wuchsen in Pflegefamilien auf. Als der zehnjährige Frank Meisler in London aus dem Zug stieg, warteten seine Großmutter und zwei Tanten auf ihn. Sie waren Mitte der 30er Jahre aus Deutschland geflohen. "Ja, ich hatte Glück und war nicht alleine", sagt er. Und dann sei ja auch schon der Krieg gekommen mit Sirenen und Bomben, und er musste schnell Englisch lernen und hatte sowieso kaum Zeit, über sein Schicksal nachzudenken.
Bezirk übernimmt Kinderdenkmal
Zum Gedenken an den Beginn der Transporte jüdischer Kinder nach England, wird in Berlins historischer Mitte im Herbst eine Skulptur des israelischen Künstlers Frank Meisler aufgestellt. Zum 70. Jahrestag soll vor dem Bahnhof Friedrichstraße am 30. November 2008 das Denkmal enthüllt werden.
Von Rainer L. Hein
Berliner Morgenpost, 15. August 2008
Diese Nachricht konnten die Initiatoren des Projektes am Mittwoch der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, machen, die den 82 Jahre alten Bildhauer und Zeitzeugen in der Synagoge an der Oranienburger Straße empfangen hatte. Das Kunstwerk wird auf Wunsch von Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) an der Ecke Georgen-/Friedrichstraße aufgestellt - so, wie es die Betroffenen der Kindertransporte gewünscht hatten.
Um die Aufstellung des Denkmals hatte es in der Vergangenheit peinliche Auseinandersetzungen zwischen den Initiatoren und der zuständigen Senatsverwaltung für Kultur gegeben. "Die in der Skulptur dargestellte Kindergruppe sei ein Motiv einer unbefangenen Klassenfahrt", hieß es in einer Stellungnahme des "Büros für Kunst im öffentlichen Raum". Dieses Gremium arbeitet bei der Kulturverwaltung bei entsprechenden Vorhaben dem Senat zu.
Schenkung an den Bezirk
"Bei allen gemeinsamen Sitzungen wurde am Konzept gemäkelt und eine Entscheidung auf die lange Bank geschoben", kritisiert Lisa Schäfer, Sprecherin der Denkmal-Initiative. Auch Appelle der Jüdischen Gemeinde, des Internationalen Auschwitzkomitees, des Trägervereins "Zug der Erinnerung" sowie von Innensenator Ehrhart Körting und der stellvertretenden Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Karin Seidel-Kalmutzki (beide SPD), blieben ungehört.Damit die Skulptur pünktlich zum Jahrestag aufgestellt wird, gab es für die Überlebenden und Initiatoren nur eine Chance: "Der Bezirk Mitte bekam von uns das gesamte Kunstwerk als Schenkung", erläutert Lisa Schäfer. Dadurch konnte dem Bezirk die Möglichkeit gegeben werden, selbst über die Gedenkstätte zu entscheiden. "Für uns war klar, dass an die Transporte der jüdischen Kinder erinnert werden muss", sagte Bezirksbürgermeister Christian Hanke dieser Zeitung. Zwar wolle er noch einmal mit dem zuständigen Staatssekretär und Parteikollegen André Schmitz über das Denkmal reden ("damit es ein Einvernehmen gibt"), doch die Entscheidung sei ohnehin getroffen. "In London und Wien stehen Skulpturen, die an die Kinder-Transporte erinnern. Was diese Städte können, können wir schon lange", sagte Hanke. Der Bezirk Mitte werde die Überlebenden und Opfer von damals nicht im Stich lassen, zumal er eigenständig über das Aufstellen entscheiden kann.
Zu den Unterstützern des Projektes gehören auch Polizeianwärter der Landespolizeischule Ruhleben. Zusammen mit ihren Ausbildern Detlef Thiele und Dieter Herrig sowie der Initiatorin Lisa Schäfer besuchten 38 von ihnen kürzlich in London das Imperial War Museum. Dort informierten sie sich in der Holocaust-Abteilung mit Zeitzeugen über die Kindertransporte und besuchten die Meisler-Skulptur an der Liverpool Street Station. Ihre einhellige Meinung war: "Das Pendant muss unbedingt am Bahnhof Friedrichstraße stehen, denn hier begannen die Transporte." Nach Auskunft von Hauptkommissar Detlef Thiele werden die Auszubildenden der Polizei die Schirmherrschaft über die Berliner Skulptur übernehmen.
Wie der Künstler Frank Meisler während seines Besuchs bei Lala Süsskind erklärte, habe er die Berliner Skulptur überarbeitet. So werden fünf Kinder der Gruppe farblich mit dem Grau der Holocaust-Gedenkstätte in den Ministergärten abgestimmt sein (sie stehen für deportierte Juden), zwei Kinder im Bronzeton sind Symbol für 10 000 Jungen und Mädchen der Kindertransporte. Über einem kurzen Schienenstrang wird zu lesen sein: "Züge ins Leben - und Züge in den Tod".
Am 30. November 1938 fuhr der erste Zug mit 196 Kindern aus Berlin Richtung London. Bis zum Kriegsbeginn 1939 wurden etwa 10 000 Kinder aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei auf diese Weise gerettet.
Opfer: Mahnmal wird verzögert
Im Blockadestreit zwischen der Berliner Kulturverwaltung und den Initiatoren eines Mahnmals für jüdische Kinder ist kein Ende in Sicht. Während die Behörde nach Ansicht von Holocaust-Opfern die Entscheidung verschleppt, drängt die Aktion "Kindertransporte" auf Eile, denn zum 1. Dezember, dem 70. Jahrestag des Beginns der Transporte im Jahr 1938, soll die Skulptur des israelischen Künstlers Frank Meisler am Bahnhof Friedrichstraße stehen.
Von Rainer L. Hein
Berliner Morgenpost, 14. Juli 2008
Insgesamt waren es rund 10 000 Jungen und Mädchen, die nach der Pogromnacht den KZ-Vernichtungslagern in Auschwitz, Sachsenhausen oder anderswo entkommen konnten. Sie waren in Deutschland nicht erwünscht und flüchteten nach der Pogromnacht nach England, das einzige Land, das bereit war, sie aufzunehmen, während andere Staaten die Grenzen für Kinder ohne Eltern schlossen. Am 1. Dezember 1938 startete der erste Kindertransport vom Bahnhof Friedrichstraße nach Großbritannien.
Während der zuständige Bezirk Mitte gegen die Aufstellung des Mahnmals nichts einzuwenden hat, kritisiert die Kulturverwaltung die Skulptur. Die dargestellte Kindergruppe sei "ein Motiv einer unbefangenen Klassenfahrt", heißt es in einer Stellungnahme des "Büros für Kunst im öffentlichen Raum" (wir berichteten). Dieses Gremium arbeitet bei entsprechenden Vorhaben der Kulturverwaltung zu. "Bisher blieben alle Gespräche ohne Ergebnis. Freundlich sind alle. Das war's dann aber auch", kritisiert Skulptur-Initiatorin Lisa Schäfer. Auch der Sprecher des zuständigen Staatssekretärs, André Schmitz (SPD), wiegelt ab. Torsten Wöhlert, Sprecher der Berliner Senatskulturverwaltung, verweist auf den zuständigen Beratungsausschuss, der mit den Beteiligten im Gespräch sei. Mehr könne man dazu derzeit nicht sagen.
Skulptur findet breite Zustimmung
Unterstützung erhalten die Mahnmal-Befürworter jetzt vom Bezirksbürgermeister von Mitte, Christian Hanke (SPD): "In London und Wien stehen Skulpturen, die an die Kindertransporte erinnern. Was diese Städte können, können wir schon lange", sagte er kämpferisch. "Ich werde die Überlebenden und Opfer von damals unterstützen, damit recht bald eine Lösung gefunden wird." Möglichst umgehend werde er das Gespräch mit dem zuständigen Kulturstaatssekretär und Parteifreund André Schmitz (SPD) suchen, damit das Vorhaben realisiert werden könne.Die Liste der Befürworter der Bronze-Skulptur ist lang. Neben Innensenator Ehrhart Körting und der stellvertretenden Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Karin Seidel-Kalmutzki (beide SPD), drängt auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, zum Bau des Mahnmals. Ebenso ist das Internationale Auschwitz Komitee und der Trägerverein "Zug der Erinnerung" dabei.
Zu den jungen Unterstützern gehören 38 Polizeianwärter der Landespolizeischule Ruhleben. Zusammen mit ihren Ausbildern Detlef Thiele und Dieter Herrig sowie der Initiatorin Lisa Schäfer besuchten sie kürzlich in London das Imperial War Museum, informierten sich in der Holocaust-Abteilung mit Zeitzeugen über die Kindertransporte und besuchten die Meisler-Skulptur an der Liverpool Street Station. Ihre einhellige Meinung: "Das Pendant muss unbedingt am Bahnhof Friedrichstraße stehen, denn hier begannen die Transporte."
Polizeischüler wollen Schirmherrschaft
Nach Auskunft von Hauptkommissar Detlef Thiele wollen die Auszubildenden der Polizei die Schirmherrschaft über die Berliner Skulptur übernehmen, die an der Ecke Friedrich-/Georgenstraße stehen soll. Diese unterscheidet sich von dem Londoner und Wiener Mahnmal dadurch, dass auch die zurückbleibenden Freunde und Geschwister der Deportierten mit der Skulptur gewürdigt werden. Der in Jerusalem lebende Künstler Frank Meisler hat das Kunstwerk entsprechend verändert."Gerade weil immer mehr rechte Gruppen die jungen Leute beeinflussen wollen, sind Symbole wie das Mahnmal wichtig", sagt Zeitzeuge Heinz Kallmann (81). Er gehörte Anfang 1939 als Zwölfjähriger zu einer Gruppe von knapp 100 Kindern, die vom Bahnhof Friedrichstraße ohne Eltern nach England starteten. Er selbst kehrte 1976 nach Berlin zurück. "Zum 70. Jahrestag muss das Mahnmal stehen. Das sind wir allen Opfern des Holocaust schuldig", mahnt Heinz Kallmann.
Die verlorenen Kinder von Berlin
Skulptur soll an die Transporte jüdischer Jungen und Mädchen nach England erinnern - Doch jetzt gibt es Streit
Von Rainer L. Hein
Die Welt, 24. Mai 2008
Vor dem Südeingang des Bahnhofs Friedrichstraße steht ein grauhaariger Mann in der Mittagssonne. Um ihn herum pulsiert das Großstadtleben. Er blättert in einem Buch mit Fotos in schwarz-weiß. Eines dieser Bilder zeigt ihn - den heute 81-jährigen Heinz Kallmann - als Jungen. Mit einer Gruppe jüdischer Kinder wartet er auf den Transport nach England.
Obwohl diese Fahrt in den Tagen des Jahres 1939 Rettung bedeutet, sind die rund hundert Kinder zutiefst verstört. Die jüngsten dieser Flüchtlinge sind an diesem Tag gerade ein paar Monate alt, die ältesten 16 Jahre. Eines haben alle gemeinsam: Sie sind in Deutschland nicht erwünscht. Sie fliehen nach der Pogromnacht in das einzige Land, das sie aufnimmt, während andere Staaten der Welt die Grenzen für Kinder ohne Eltern schließen. Insgesamt waren es rund 10 000 Jungen und Mädchen, die auf diesem Weg den Vernichtungslagern in Auschwitz, Sachsenhausen oder anderswo entkommen konnten.
Zum Gedenken an den Beginn dieser Kindertransporte möchten Überlebende und jüdische Gesellschaften - so auch das Internationale Auschwitzkomitee - am Bahnhof Friedrichstraße ein Mahnmal errichten. Am Ort, von dem am 1. Dezember 1938 der erste Kindertransport startete. "Das sind wir allen Opfern schuldig", sagt Heinz Kallmann.
Doch während der zuständige Bezirk Mitte gegen die Aufstellung des Mahnmals des israelischen Künstlers Frank Meisler (selbst ein Kind der Transporte) nichts einzuwenden hat, "blockiert" nach Ansicht der Holocaust-Opfer die Berliner Senatsverwaltung für Kultur das Vorhaben. Die in der Skulptur dargestellte Kindergruppe sei "ein Motiv einer unbefangenen Klassenfahrt" und "überhaupt sei die mit der Skulptur verbundene Didaktik nicht ausreichend", heißt es in einer Stellungnahme des "Büro für Kunst im öffentlichen Raum". Dieses Gremium arbeitet der Kulturverwaltung bei entsprechenden Vorhaben zu. Torsten Wöhlert, der Sprecher des zuständigen Staatssekretärs André Schmitz, wiegelt gegenüber dieser Zeitung ab: "Aktuell läuft da nichts. Mitte Juni wird der zuständige Beratungsausschuss tagen." Mehr sei dazu derzeit nicht zu sagen.
Eine Bronze-Skulptur des Künstlers Frank Meisler steht bereits als Erinnerung an die Kindertransporte mitten in London. Am U-Bahnhof Liverpool Street Station wurde im September 2006 das Mahnmal enthüllt - vom Schirmherrn Prinz Charles. Es zeigt fünf Kinder hinter einem Bahngleis. Nach Vorstellung des Künstlers soll das die Rettung vor der Vernichtung bedeuten. "Die Bahngleise als Endpunkt", so Frank Meisler. Für den Bahnhof Friedrichstraße hat er die Gleise vor der Kindergruppe geplant - sie sollen symbolisch den Beginn bedeuten. Die Kinderfiguren sind lebensgroß gehalten. Ein weiteres Mahnmal des Künstlers wurde am 14. März diesen Jahres am Westbahnhof in Wien aufgestellt. Es zeigt einen Jungen auf dem Koffer sitzend.
Initiatorin für das Berliner Mahnmal ist die ehemalige Lehrerin Lisa Schäfer. Sie kämpft stellvertretend für alle damaligen Flüchtlinge dafür. "Bis auf die Kulturverwaltung des Senats gibt es nur positive Reaktionen", sagt sie. Auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, gehört zu den Unterstützern. Lisa Schäfer: "Die Liste ist lang und daher ist es um so unverständlicher, dass das Vorhaben blockiert wird." So haben bereits Innensenator Ehrhart Körting (SPD) und die Vize-Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Karin Seidel-Kalmutzki (SPD), Unterstützung zugesagt.
Für Heinz Kallmann ist die Blockade "schlimm": "Für jeden muss die Zeit von damals in Erinnerung bleiben. Ein Vergessen darf es nicht geben." Er selbst hat in den vergangenen Jahren seine Erlebnisse immer wieder in Schulen und Kirchengemeinden, vor Polizeischülern in Ruhleben oder auch vor Lehrlingen vorgetragen. Als Zeitzeuge konnte er so jungen Menschen deutsche Geschichte der Nazizeit vermitteln. Als Anerkennung seines Einsatzes bei der Aufarbeitung der Vergangenheit wurde ihm im Jahr 2000 vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau das Bundesverdienstkreuz verliehen.
Wer dem 81-Jährigen zuhört, bekommt eine Vorstellung davon, wie es in Deutschland für Juden in den Jahren nach 1933 zuging. Nach seiner Geburt im Jahr 1926 in Breslau und einer Zwischenstation in Königsberg zog Heinz Kallmann als Siebenjähriger mit seinen Eltern nach Berlin. Der Vater Walter war Schuhwarenvertreter, die Mutter Käte eine Sängerin. Die jüdische Familie zog in die Barbarossastraße nach Schöneberg und Heinz wurde in die damalige Prinzregentenstraße zur Schule geschickt. "Schon bald merkte ich, dass sich das Leben für uns Juden veränderte", erinnert er sich. Alle, die in die Synagoge in der Barbarossastraße gingen, wurden zu Außenseitern. 1938 wurde sein Vater verhaftet und nach Sachsenhausen deportiert. "Damals war es noch möglich, dass Juden wieder rauskamen. Aber nur dann, wenn sie binnen zwei Tagen aus Deutschland verschwanden." Der Vater von Heinz Kallmann gehörte dazu und flüchtete nach London; wenig später gelang seiner Mutter die Flucht nach Chile.
Der Weg des Vaters wurde zum Glücksfall für den inzwischen Zwölfjährigen. Mit Hilfe der Großmutter, die die nötigen Kontakte knüpfte, kam Heinz Kallmann auf die Liste der Kinder, die nach England transportiert wurden: "Weil mein Vater schon in London war."
So kam es dann, dass Heinz mit einem kleinen Koffer zusammen mit rund hundert anderen Kindern am Bahnhof Friedrichstraße stand. Von Holland setzte die Gruppe nach Dover über. "Von dort ging es in ein Heim nach Ipswich, später auf einen Bauernhof nach Claydon, einem kleinen Dorf in der Nähe", erinnert sich der Berliner. Während andere Kinder in englischen Familien unterkamen, blieb Heinz mit zehn anderen Jungen in Claydon.
Doch bald ging es für den jüdischen Jungen aus Berlin nach Oxford. In einem Heim, das von der Glaubensgemeinschaft der Quäker unterhalten wurde, blieb er bis zu seinem 16. Lebensjahr. "Der Pfarrer hatte die Erziehung für sieben Kinder aus Deutschland übernommen. Mich wollte keine Familie haben", meint er. Und kann in der Rückschau darüber schmunzeln. "Aber wir hatten es in England gut. Während in der Schule die Klassenkameraden immer wieder mit einem Stock Schläge auf die Hand bekamen, hielten sich die strengen Lehrer bei uns jüdischen Kindern zurück."
Während dieser Jahre hatte Heinz Kallmann nur wenig Kontakt zu seinem Vater, der später nach Kanada auswanderte. "Er konnte mich nach meiner Ankunft nicht zu sich nach London holen, da er nur eine kleine Einzimmer-Wohnung hatte, die mit Stroh vollgestopft war." Mit diesem Stroh füllte Vater Kallmann kleine Puppen - damit verdiente er sich seinen Lebensunterhalt. "Irgendwie wurden wir uns in dieser Zeit fremd", bedauert das ehemalige Transportkind.
Während der Zweite Weltkrieg noch voll im Gange war und Nachrichten über Judenvernichtungen bekannt wurden, begann Heinz Kallmann 1942 mit einer Lehre als Einzelhandelskaufmann. Rasch konnte er sich bei der Handelskette eines jüdischen Unternehmers hocharbeiten. "Immer wieder musste ich in dieser Zeit an meine Mutter denken. Was war aus ihr geworden?" Doch erst im Jahr 1952 meldete sie sich bei ihm in London. Über das Rote Kreuz hatte Käte Kallmann ihren Heinz wiedergefunden. Sie war inzwischen nach Berlin zurückgekehrt und hatte einen deutschen Anwalt geheiratet, der als Jude ebenfalls nach Chile geflohen war.
Bei einem Besuch in Berlin lernte Heinz Kallmann dann seine heutige Frau Käthe kennen. "Sie arbeitete in dem Büro des Anwalts", erzählt er. 1969 wurde in London geheiratet. "Eigentlich wollte ich nie nach Deutschland zurück." Doch es kam anders. Als seine Mutter schwer erkrankte, siedelte Kallmann 1976 doch mit seiner Frau nach Berlin um. "Seitdem sind wir hier und engagieren uns, damit die Geschichte nicht vergessen wird." Und dazu gehört für Heinz Kallmann das Mahnmal der Kindertransporte an der Ecke Friedrich- und Georgenstraße. Der britischen Regierung ist der 81-Jährige unendlich dankbar. "Ohne den Kindertransport hätte ich bestimmt nicht überlebt." Nun setzt er auf das Engagement von Lisa Schaefer, selbst keine Jüdin. "Ihr Einsatz wider das Vergessen ist beispielgebend. Gerade, da immer mehr rechte Gruppen die jungen Leute beeinflussen wollen, sind Symbole wie das Mahnmal wichtig."
Am Ende des Gleises
Wie in London soll auch in Berlin mit einer Skulptur an die Kindertransporte erinnert werden
Von Alice Lanzke
Jüdische Allgemeine, 28. Februar 2008
Die fünf Kinder haben jeder einen Koffer bei sich, ein wenig müde, aber hoffnungsvoll blicken sie drein. Sie stehen am Ende eines Gleisstücks, das ebenso aus Bronze gefertigt ist wie die kleine Gruppe selbst: Mit der Skulptur wird an der Londoner Liverpool Street Station an die "Kindertransporte" 1938/39 erinnert, an den Schlusspunkt der glücklichen Rettung 10.000 überwiegend jüdischer Kinder.
Nun soll auch am anderen Ende der Gleise in Berlin eine ähnliche Skulptur entstellen, zumindest wenn es nach dem Willen von Lisa Schäfer geht. Die Journalistin und PR-Managerin setzt sich für ein Denkmal am Bahnhof Friedrichstraße ein. Hier startete am 1. Dezember 1938, drei Wochen nach der Programnacht, der erste Zug gen Großbritannien. Wie die Plastik in London soll auch die in Berlin vom Künstler Frank Meisler gefertigt werden - selbst ein Kind der Kindertransporte. Doch während die Schienen in London enden, wird die Kindergruppe in Berlin sie noch vor sich haben: "Hier werden sie die Angst vor den Nazis im Gesicht haben", erklärt Lisa Schäfer.
2000 stieß sie im Rahmen einer Recherche über das Londoner Denkmal auf das ihr damals vollkommen neue Thema: "Von den Kindertransporten hatte ich nichts gewusst. Ich dachte, das ist deutsche Geschichte, die ich wieder nach Deutschland bringen muss."
Seither sieht es die ehemalige Lehrerin als ihre persönliche Verantwortung, die Kindertransporte bekannter zu machen. Es ist die Geschichte einer einmaligen Rettungsaktion: Kurz nach der "Reichskristallnacht" 1938 beschloss die britische Regierung, Kinder aus Deutschland, Österreich, Tschechien und Polen aufzunehmen. Eine breite Allianz englischer und holländischer, religiöser und nichtreligiöser Organisationen unterstützte die Ausreise der bedrohten Kinder. Sie kümmerten sich um Pflegeeltern und die Sicherheit von 50 Pfund pro Kind, für damalige Verhältnisse ein Vermögen. Dennoch gelang es innerhalb kürzester Zeit, die ersten Züge bereitzustellen. Durch die Kindertransporte, die alle über Aachen in die Niederlande und von dort mit der Fähre zum britischen Küstenort Harwich führten, wurden bis zum Ausbruch des Krieges 10.000 Kinder gerettet, 8.000 von ihnen waren Juden.
Doch obwohl der Transport Rettung bedeutete, traumatisierte er die minderjährigen Flüchtlinge, von denen die jüngsten gerade ein paar Monate, die ältesten 16 Jahre alt waren: In der "Oscar"-prämierten Dokumentation "Into the Arms of Strangers" erinnern sich einige der "Kinder'', wie sie sich heute selbst noch nennen, dass sie ihren Eltern die jähe Trennung übel nahmen. Andere hatten den Auftrag bekommen, Arbeit für die Verwandten zu suchen - nur so war eine Einreise nach Großbritannien möglich. "Da gingen dann Zehnjährige ohne Englischkenntnisse Klinken putzen, um ihre Familien zu retten", sagt Lisa Schäfer. Nur wenigen gelang das auch: 90 Prozent der Kinder sahen ihre Eltern nie wieder.
Bertha Leverton gehört nicht zu ihnen. "Ich hatte Schuldgefühle, weil ich meine Eltern wiederbekommen hatte'', erzählt die 84-jährige gebürtige Münchnerin, die heute in London lebt. Sie war fast 16, als sie gemeinsam mit ihren beiden jüngeren Geschwistern einen der rettenden Züge bestieg. "Es war das befreiendste Gefühl, als wir die deutsche Grenze passierten", erinnert sie sich in perfektem Deutsch.
In Harwich kam sie wie alle anderen Kinder, für die noch keine Pflegefamilie gefunden worden war, in ein umfunktioniertes Sommerlager. Jedes Wochenende wurden die besten Kleider angezogen: Britische Paare kamen, um sich ein Kind auszusuchen. "Wir fühlten uns wie die Affen im Zoo, und die meisten Paare wollten kleine hübsche Mädchen", sagt Leverton. Schließlich wurde sie doch noch vermittelt: Als Dienstmädchen kam sie in eine Familie. Über die damaligen Erfahrungen spricht sie mit einem bitteren Unterton: "Der britischen Regierung bin ich für die Rettung unserer Leben sehr dankbar, bei den Familien aber war alles dabei: ganz tolle Menschen, ganz normale Menschen und solche, die uns ausgebeutet haben." Zu ihren damaligen Pflegeeltern habe sie keinen Kontakt, im Gegensatz zu vielen anderen Kindern.
Fünf Jahre nach der Trennung sahen Bertha Leverton und ihre Geschwister die Eltern in England wieder, "der glücklichste Tag in meinem Leben", betont sie. Danach wurde nicht mehr über das Erlebte gesprochen. Bis die alte Dame ein Bild eines ihrer 13 Enkel an der Wand betrachtete und sich dachte: "Sie ist fast 16 und weiß nichts darüber, was ich in ihrem Alter erlebt habe." Bertha Leverton beschloss, ein Buch zu schreiben, unter dem Titel "I came alone" versammelte sie ihre und die Erinnerungen vieler anderer Kinder. Und sie fing 1988 an, ein Wiedersehen zu organisieren. Ein Jahr später war es soweit: 1.000 der Kinder traf sich in den ehemaligen Sommerlagern. "Es war unbeschreiblich, ein sehr emotionales Treffen", sagt sie über die drei Tage.
Leverton begann, mit Schäfer deutsche Schulen zu besuchen, um von ihrer Geschichte zu erzählen. Auch zur Benefizveranstaltung zugunsten der Berliner Skulptur der. Kindertransporte wird sie kommen und als Zeitzeugin sprechen. Noch steht die Entscheidung für das Denkmal durch den Bezirk noch aus, doch Schäfer ist zuversichtlich: Seien doch die Kindertransporte "das deutlichste Zeichen von Menschlichkeit und Courage im Zweiten Weltkrieg".