Erinnerungen: Züge ins Leben
Dr. Inge Lammel

Nach dem Umzug der Familie in den Ortsteil Lankwitz ging sie bis zu ihrem Abschuß 1938 auf das dortige Lyzeum. Dem schloß sich der Besuch einer Schule für Hauswirtschaft an, die im Rahmen der Reichpogromnacht Zielscheibe nationalsozialistischer Übergriffe wurde. Ihr Vater wurde um den 9. November verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Nach seiner Entlassung zu Weihnachten 1938 war die Familie von weiteren Deportationen bedroht.
Im Gegensatz zu ihren Eltern, die später nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden, hatten Inge Lammel und ihre Schwester das Glück, im Juli 1939 auf eine der letzten Kindertransporte nach England zu kommen. Sie wurden von drei alleinstehenden Lehrerinnen in Sheffield aufgenommen und gingen dort zur Schule. Zwischen 1940 und 1943 ließ sich Inge Lammel in Bristol als Säuglingspflegerin und Kindergärtnerin ausbilden.
Nach ihrer Ausbildung ging Inge Lammel nach London, wo sie politische Flüchtlinge aus Deutschland kennenlernte. Einer ihrer Hauptaufgabe in der illegalen operierenden Deutschen Kommunistischen Partei, für die sie sich engagierte, bestand darin die englische Bevölkerung darüber aufzuklären, dass nicht alle Deutsche Nationalsozialisten waren.
Inge Lammel kehrte 1947 nach Berlin zurück. Neben dem Studium der Musikwissenschaft an der Humboldt Universität und ihrer Promotion 1975 war sie von 1954 bis 1985 am Aufbau des Arbeiterliedarchivs an der Akademie der Künste (DDR) beteiligt.
Inge Lammel ist Mitbegründerin und Ehrenvorsitzende des Bundes der Antifaschisten in Pankow sowie stellvertretende Vorsitzende des Vereins für das ehemalige jüdische Waisenhaus in Pankow.
Dr. Inge Lammel erzählt über ihre Erlebnisse rund um die Reichspogromnacht 1938.
Im Juli 1939 konnten Inge Lammel und ihre Schwester durch einen Kindertransport den Nazis entkommen.
Quelle: www.zeitzeugengeschichte.de
Prof. Paul Moritz Cohn
Ich wurde am 8. Januar 1924 als einzigstes Kind meiner Eltern Julia und Jakob Cohn in Hamburg geboren. Wie meine Eltern stammten auch drei meiner Großeltern aus Hamburg. Die weiter zurückliegenden Generationen meiner Familie kamen aus Hamburg, Leipzig, Berlin und Greiffenberg. So weit es mir gelang den Stammbaum zurückzuverfolgen kamen meine Vorfahren immer aus Deutschland. Zumindest bis 1933 empfanden sie sich selber als Deutsch. Mein Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg an der Front, wurde viele Male verwundet und mit dem Eisernen Kreuz (die höchste Dekoration für Tapferkeit an der deutschen Streitkräfte in Kriegszeiten) ausgezeichnet. Wegen seiner zögernden Haltung, wurde die Möglichkeit einer Auswanderung immer schwieriger. Letztendlich waren seine Versuche erfolglos.
Als ich geboren wurde, lebten meine Eltern zusammen mit meiner Großmutter mütterlicherseits in der Isestraße. Als sie im Oktober 1925 starb, zogen meine Eltern in eine Mietwohnung in ein neues Gebäude in Lattenkamp, im Ortsteil Winterhude. Die vor unserem Gebäude unübersehbar vorbeiführende Hochbahn, die ich häufig beobachtete, weckte in mir das Interesse für technische Dinge. Zu dieser Zeit besaßen nur sehr wenige Menschen ein Auto. Als ich 1928 an Scharlach erkrankt war, brachte man mich mit einer Pferdekutsche ins Krankenhaus. Auf der Rückseite befand sich ein Wäscherei-Hof mit vielen Pferden und Karren sowie ein paar Lieferwagen. Mehr noch faszinierte mich das dort angrenzende Hühnerfreilaufgehege. Wie in der Illustration meines Lieblingsbuchs "Max und Moritz" von Wilhelm Busch krähte dort morgens der Hahn.
Da meine Mutter arbeiten ging, beschäftigte sie tagsüber eine Haushaltshilfe. Jedoch war ich die meiste Zeit auf mich selbst gestellt und ich war froh, allein spielen zu können. Ich war eine "Hausmaus" und spielte nur widerwillig draußen. Zwar gab es in der Nachbarschaft viele Kinder, aber ein paar von den älteren Jungs behielten die Oberhand.
Ich besuchte eine Zeit lang den Kindergarten. Im April 1930 betrat ich Schule an der Alsterdorfer Straße. Voller Vorfreude auf das Lernen konnte ich diesen Tag kaum erwarten. Ich genoss den Unterricht, weniger die Pausen, in denen ich häufig geneckt wurde und nicht imstande war, mich zu verteidigen. Ich habe keine Anhaltspunkte dafür, dass Antisemitismus eine Rolle spielte. Zwar gab es ein oder zwei anderen jüdische Jungs in der Klasse, aber das war kein Thema. Unsere Lehrerin war sehr nett und ich hatte es gut mit ihr. Als sie wegen einer Krankheit für eine lange Zeit nicht kommen konnte, wurde die Klasse zwischen den anderen aufgeteilt. Ich kam zu einem männlichen Lehrer, der mich ständig auswählte, um mich grundlos zu bestrafen. Von der Schulleitung erfuhren meine Eltern bei einem Besuch, dass dieser Lehrer ein Nazi war. Da nichts getan werden konnte um die Lagen in den Griff zu bekommen, schickten mich meine Eltern ab 1931 in die Schule in der Meerweinstraße. Diese Schule, an der meine Mutter unterrichtet, wurde 1930 gegründet. Sie galt, beispielsweise wegen ihrer gemischten Klassen, als sehr fortschrittlich. Zufällig war meine Klassenlehrerin jüdisch.
Sie und meine Mutter waren die einzigsten Lehrer jüdischen Glaubens an dieser Schule. Niemals während der zweieinhalb Jahre die ich auf der Schule verbrachte gab es Antisemitismus. Politik war kein Thema und als Alternative zum Religionsunterricht gab es das Fach "Lebenskunde" (Ethik). Als 1932 ein oder zwei Jungs (nicht aus meiner Klasse) in Naziuniform in die Schule kamen, sorgte dies für einiges Aufsehen. In der Pause wurden sie wie seltene Vögel angestarrt. Aber es gab aber keine Konsequenzen.
Nach 1933 veränderte sich vieles. Das Geschäft meines Vater, das in den zurückliegenden Jahren immer schlechter lief, wurde abgewickelt. Im April trat dann das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" (mit diesem Gesetz vom 7.04.1933 konnten Beamte entlassen werden und Beamte "nichtarischer" Abstammung, wie z.B. Juden, wurden ihrer Ämter enthoben) in Kraft und im Oktober wurde meine Mutter entlassen. Erst nach langen Verhandlungen bekam sie, wegen ihrer 25-jährigen Tätigkeit im öffentlichen Dienst, eine kleine Rente.
Meine Eltern entschlossen sich, mich auf die "Jüdische Schule in Hamburg" (eine Talmud-Tora-Schule) im Grindelviertel zu schicken. Dies befand sich in beträchtlicher Entfernung zu unserer Wohnung, war aber die ideale Vorbereitung für die weiterführende Schule. Ich erinnere mich, dass wir in der Talmud-Tora-Schule das gleiche Rechenbuch benutzten wie in der Meerweinstraße. Jedoch waren wir in Letzterer auf Seite 17, während wir in meiner neuen Klasse bereits auf Seite 34 waren. Bald danach lud der Klassenlehrer meine Mutter in die Schule ein und informierte sie, dass ich viel nachzuholen hätte. Ich war vor allem ein Meister im Kopfrechnen. Nachdem ich mich von diesem Schock erholt hatte, arbeitete ich auf Hochtouren. Das intensive Lernen war für mich eine völlig neue aber erfreuliche Erfahrung. Am Ende des Jahres hatte ich keine Schwierigkeiten mit der Eignungsprüfung für die weiterführende Schule. Wäre ich auf der alten Schule geblieben, hätte das Ergebnis ganz anders ausgesehen.
Der Hauptgrund für den Wechsel der Schule war, dass ich in einem sympathischen Umfeld sein sollte. Mir war der Unterschied zwischen der Schule im Grindelviertel und meinem zu Hause in Winterhude bewusst. Wir erfuhren dort praktisch keinen offenen Antisemitismus. Vielmehr wechselte man freundliche Worte mit uns und fügte hinzu, dass man offiziell anders Denken und sich verhalten müsse. Möglicherweise hat dieses Verhalten die Notwendigkeit verzerrt, dass Juden um zu überleben, auswandern müssen. Die immer weiter reichenden antisemitischen Gesetze machten dies alarmierend klar und schenkten gleichzeitig die Möglichkeit der Auswanderung ein.
Mitte 1937 zogen wir in die Klosterallee. Dies brachte mich nicht nur näher zur Schule und den anderen Schülern, sondern es gab mir auch ein größeres Gefühl der Sicherheit, da die meisten Hamburger Juden im Grindelviertel lebten. Von unserer Wohnung war es auch einfacher zur Synagoge zu kommen. Wir waren keine orthodoxen Juden, sondern besuchten die Synagoge an hohen Feiertagen.
Diese Schuljahre waren eine Freude für mich. Wir hatten viele Lehrer mit Doktortitel, die das Lernen zum Vergnügen machten. Den Deutschunterricht erteilte uns Dr. Ernst Löwenberg, Sohn des Dichters Jakob Löwenberg. Er vermittelte mir das Wissen und die Vorliebe zu meiner Muttersprache, die ich nie verlor. Der Englischunterricht schien mir mehr Unterhaltung als Lernen. Als ich später nach England kam, hatte ich kein Problem bei der Kommunikation. Im Alter von 15 Jahren hatte ich in der Schule nur eine kurze Einführung in die Naturwissenschaften: ein Jahr lang Physik und Chemie gab es gar nicht. Der Mathematiklehrer war unser Klassenlehrer. Er legte Wert auf Disziplin, ich hingegen war etwas frech. Von Anfang an war das Verhältnis zwischen uns schlecht. Aber Mathematik war mein Lieblingsfach und er war ein hervorragender Lehrer, so dass wir nach und nach respektvoller miteinander umgingen.
Das Thema Auswanderung war ein kontinuierliches Problem, welches 1938 akut wurde. In der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde mein Vater, wie die meisten erwachsenen jüdischen Männer, von der Polizei verhaftet und im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Da die meisten Lehrer inhaftiert wurden, gab es für uns keinen Unterricht mehr. Meine Mutter stand nun vor zweierlei Aufgaben; einerseits meinen Vater auf der Haft frei zu bekommen und andererseits eine Möglichkeit zur Auswanderung zu finden. Wegen der Massenarbeitslosigkeit waren die meisten Länder nicht bereit, Arbeitserlaubnis zu bewilligen. Um eine Auswanderungerlaubnis zu bekommen, musste man jemand finden, der garantierte, das der Emigrant keine zusätzliche Belastung für den Staat darstellte. Leider hatten wir keine Verbindungen ins Ausland. Der einzige Ort, der eine solche Genehmigung nicht verlangte, war Schanghai. Aber alle Schiffe dorthin waren ausgebucht. Dann boten die Niederlande an, Kinder ohne Garantie aufzunehmen. Sofort ließ mich meine Mutter registrieren und ich fing an, holländisch zu erlernen. Mein Vater wurde nach fast vier Monaten Gefangenschaft freigelassen. Bevor man sie aus dem Konzentrationslager entließ, sagte man ihnen: "Wir entlassen Euch nur zu einem Zweck: damit ihr auswandert. Wenn Ihr das nicht tut, könntet Ihr Euch hier mal wieder finden. Und dann kommt Ihr nicht mehr raus". Jetzt war Auswanderung lebenswichtig, aber praktisch unmöglich. Kurz zuvor musste alles Gold und Silber welches man besaß abgeben. Jeder Familie wurde erlaubt, maximal sechs Teile des Tischbestecks zu behalten und Möbel konnten gar nicht mitgenommen werden. Das Geld war bereits früher eingefroren worden.
Im Frühjahr 1939 kündigte England an, Kinder ohne Gewähr einreisen zu lassen. Meine Eltern ließen mich sofort registrieren, da ihnen die Insel sicherer erschien als die Niederlande, die mir ihrerseits kurze Zeit später die Einreise genehmigte. Im April 1939 verließ ich ein Jahr vor der Abschlussprüfung die Schule. Nachdem alle Formalitäten erfüllt waren, wurde meine Auswanderung mit dem Kindertransport nach England für den 21. Mai 1939 angesetzt. Ein Flüchtlingausschuss in England fand für mich einen Job auf einem Hühnerbauernhof. In Ermangelung einer Arbeitserlaubnis wurde mir nicht gestattet, einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Daher erlernte ich die Landwirtschaft und als ich 18 Jahre alt war, schickte man mich zu den Herrschaften, wo kein Mangel an Arbeit herrschte.
Ich war sehr traurig darüber, meine Eltern verlassen zu müssen. Mir war aber klar, dass sich Chance einer gemeinsamen Auswanderung verbesserten, wenn ich zunächst nach England reisen würde. Auch wenn sie eine Vorahnung gehabt haben, dass wir uns nie mehr wiedersehen, waren meine Eltern bei unserem Abschied in guter Stimmung.
Der 4,5 Hektar umfassende Hühnerbauernhof mit rund 5000 Hühnern war im Besitz eines Ehepaars, das Hilfe bei der Arbeit benötigte. Die eigentliche Arbeit war einfach, hauptsächlich Füttern und Tränken der Tiere sowie ausmisten; jedoch waren es rund 70 Stunden Arbeit pro Woche. Ich hatte nur drei Nachmittagen alle zwei Wochen frei. Ich wuchs als Stadtkind auf, wusste jedoch, dass dies die Chance für ein neues Leben war. Den ganzen Sommer 1939 korrespondierte ich regelmäßig mit meinen Eltern. Ich sah mich nach Möglichkeiten um, Arbeit für meine Eltern zu finden, z. B. als Haushälterin und Gärtner (mein Vater war ein begeisterter "Schrebergärtner"). Meine Bemühungen waren jedoch erfolglos und als Krieg ausbrach, waren alle Möglichkeit einer Auswanderung beendet.
Von diesem Moment an erhielt ich durch das Rote Kreuz nur ein kurzes Schreiben pro Monat von meinen Eltern, dass ich jeweils beantwortete. Manchmal war es auch möglich, längere Briefe über Verwandte in Amerika zu schicken. Die Briefe wurden immer seltener und Ende 1941 brach der Briefverkehr ab. Nach dem Krieg erfuhr ich, dass meine Eltern am 6. Dezember 1941 nach Riga in Lettland deportiert wurden und nie mehr zurückkamen.
Der Rest ist schnell erzählt. Ende 1941 musste der Bauer seinen Hühnerhof, aufgrund mangelnder Futtermittel, aufgeben. Nach einer kurzen Ausbildung als Feinmechaniker erwarb ich eine Arbeitserlaubnis und arbeitete die nächsten 4,5 Jahre in einer Fabrik. Während dieser Zeit holte ich in einem Fernkurs meinen Schulabschluss für ein Studium nach. Mit Förderung des Flüchtlingskomitees bestand ich die Cambridge-Stipendium-Prüfung und erhielt ein Stipendium zum Studium der Mathematik am Trinity College in Cambridge. 1951 machte ich meinen Doktortitel. Ich arbeitete dann ein Jahr lang als Beauftragter für Forschungsarbeiten in Nancy, Frankreich, danach als Dozent an den Universitäten in Manchester und London, und schließlich als Astor Professor am University College London. 1989 ging ich in den Ruhestand, forschte aber weiterhin in der Mathematik.
Wie habe ich mich hier eingewöhnt? Auf eine Art sehr gut, was mit der vorurteilsfreien Art meiner englischen Kolleginnen und Kollegen zu tun hat, die mich voll akzeptierten. Ich heiratete eine englische Frau jüdischer Herkunft und wir haben zwei erwachsene Töchter. Ich bin mir aber meiner Herkunft bewusst. Ich bin kein echter Engländer, aber auch kein Deutscher mehr. Ich habe nicht das Gefühl von Heimweh. Es ist eine Sehnsucht nach etwas, was nicht mehr existiert, so etwas wie ein Schmerz in einem Bein, nachdem es amputiert wurde. Ich habe oft nach dem Krieg arbeitsbedingt Deutschland besucht - Frankfurt, Bielefeld, Darmstadt, Duisburg, Berlin und mehrere Male das Forschungsinstitut Oberwolfach. Ich habe ein gutes Verhältnis zu den deutschen Kollegen, aber meine Heimat ist hier in England.
Quelle: www1.uni-hamburg.de
Professor Paul Cohn verstarb 82-jährig am 20. April 2006 in London.
Ursula Dobkowsky, heute Ester Golan
"Auf Wiedersehen in unserem Land"
Auszüge aus den biografischen Erinnerungen Ursula Dobkowskys, ECON Verlag, Düsseldorf 1995
Am 10. November 1938, als man die meisten jüdischen Männer aus ihren Wohnungen abgeholt hatte, um sie in den Konzentrationslagern einzusperren, kam aus irgendeinem Grund keiner, meinen Vater mitzunehmen. Vielleicht lag es daran, dass wir erst kürzlich umgezogen und deshalb in dieser Gegend noch neu und unbekannt waren. Aus den Lagern entlassen wurden Häftlinge nur, wenn sie eine Auswanderungsmöglichkeit hatten. Zertifikate zur Einwanderung nach Palästina gab es jedoch nur sehr wenige, so dass das Palästina-Amt das unserer Familie versprochene Zertifikat zur Ausreise über Antwerpen, welches wir mit dem letzten Geld erworben hatten, dazu benutzte, einen armen Schlucker aus der Hölle zu befreien. Und nun war ich auch noch abgelehnt worden. Meine Eltern waren verzweifelt. Meine Mutter eilte zum Palästina-Amt, um Recha Freier ihr Herz auszuschütten und sich mit ihr zu beraten. Aber auch sie konnte uns keine Hoffnungen machen.
Wie bei den meisten Juden in Deutschland kreisten all unsere Gespräche inzwischen ausnahmslos um Auswanderungsmöglichkeiten. Nur wenige Länder waren bereit, Immigranten aufzunehmen. Wenn überhaupt, dann bevorzugten sie Wissenschaftler oder junge Menschen, die schwere körperliche Arbeit leisten konnten. Mit viel Geld konnte man sich manchmal ein gefälschtes Visum beschaffen.
Häufig waren dafür jedoch ausländische Devisen erforderlich, deren Besitz Juden schon längst verboten war. Viele lernten Fremdsprachen, Englisch, Französisch, Spanisch, Hebräisch oder sogar Chinesisch, und erwarben neue Kenntnisse in der Hoffnung, sich damit im fremden Land ihr Brot zu verdienen.
Bis zum Herbst 1938 war etwa ein Drittel der in Deutschland lebenden jüdischen Bevölkerung ausgewandert. Unter den Zurückgebliebenen waren viele ältere Leute und auch Kinder. Obwohl noch niemand offiziell vom Krieg sprach, ahnten viele, dass die Zukunft nur noch schlimmer werden würde.
Je schlechter die Aussichten, desto mehr versuchte man, wenigstens die Kinder in Sicherheit zu bringen. Nach den Pogromen der Novembertage 1938 in Deutschland und in Österreich versuchten Vertreter der jüdischen Auswanderungsorganisationen dieser Länder, Druck auf Großbritannien auszuüben, dass es die Einwanderung nach Palästina für KZ-Häftlinge und deren Kinder freigeben sollte, jedoch ohne viel Erfolg.
Eine entscheidende Hilfe kam von Seiten einer einzelnen Frau. Die Holländerin Trude Weißmüller, die sich bereits zuvor für Flüchtlinge eingesetzt hatte, bat um eine Vorsprache bei Adolf Eichmann in Wien. Er war damals für die Beschleunigung der Auswanderung von Juden zuständig. Nach zahlreichen Verhandlungen erlangte sie die Erlaubnis, 600 Kinder aus Österreich herausbringen zu dürfen. Schließlich hatten auch ihre Bemühungen um eine Unterkunft für die Flüchtlinge Erfolg. Sie erhielt die Nachricht, man habe für die Kinder in einem Sommerlager an der englischen Küste einen Platz gefunden. Dies war der Beginn der Kindertransporte, die von Dezember 1938 bis Kriegsausbruch zehntausend Flüchtlingskindern eine Zuflucht in Großbritannien verschafften.
Als meine Mutter von den Kindertransporten erfuhr, beeilte sie sich, auch für mich einen Platz zu finden. Das war jedoch nicht einfach. Da der englische Staat nicht bereit war, die Kosten für den Aufenthalt der Kinder zu übernehmen, mussten entweder Familien oder Hilfsorganisationen gefunden werden. Die Jugend-Alijah hatte mit Großbritannien Kontakte geknüpft, um Jugendliche, die auf ihr Ausreise-Zertifikat warteten, in der Landwirtschaft auszubilden. Zu diesem Zweck wurde ihr unter anderem der Landsitz des verstorbenen Lord Balfour in Whittingehame Estate, Schottland, zur Verfügung gestellt.
Auch meine Eltern setzten alles daran, uns Kindern, die sie innig liebten, die Qualen, die die Zeit mit sich brachte, zu ersparen. Sie scheuten keine Mühe und wendeten sich an wen sie nur konnten, um für uns so schnell wie möglich irgendeinen Ausweg zu finden. Aber so wie ihnen ging es Tausenden von anderen. Die Wartelisten waren lang und wurden länger.
letztes Familienfoto vor der Abreise nach England; v.l.n.r.: ihre Mutter, Ursula, Marianne-Renate (über ihr) und ihr Vater
Wir fingen an, meine Sachen herzurichten. Einen Koffer und einen Rucksack durfte jedes Kind mitnehmen. Es ging auf den Sommer zu. Bis zum Winter, hofften wir, würde ich schon in Palästina sein. Dort braucht man kaum warme Sachen. Wir kauften noch eine Kletterweste, die wir nach langem Suchen endlich in einem Geschäft am Kurfürstendamm fanden. Die Ärmel waren viel zu lang und mussten von Mutter gekürzt werden. Sie nähte mir noch ganz schnell einen dazu passenden Rock aus ähnlichem dunkelblauen Samtstoff. Darauf war ich sehr stolz.
Das Pessachfest feierten wir nur noch zu viert, das heißt die Eltern, meine kleine Schwester und ich. Wie üblich hatten wir an diesem Festtag kein Brot zu Hause, sondern aßen Matze. Am Vorabend meiner Abreise bereitete mir Mutter noch ein Täubchen für unterwegs zu. Sie hatte Angst, der Verzehr von Matze könnte bei den deutschen Bahnbeamten Anstoß erregen.
Vater überreichte mir, mit einer Widmung versehen, seine "Hagada", die alljährlich beim Pessachfest gelesene Geschichte des Auszugs aus Ägypten. Sie war bereits von seinem Urgroßvater benutzt worden. Mutter und Vater schrieben mir aus Salomos Sprüchen in mein Poesiealbum. Ursprünglich gehörte es meiner Mutter. Sie hatte es mir vor Jahren geschenkt, damit sich auch meine Lehrer und Mitschülerinnen darin verewigen könnten, so wie es einst auch ihre Lehrer und Freundinnen getan hatten, wie etwa Recha Freier, die im Jahre 1917 etwas auf Hebräisch eingetragen hatte. Vater schrieb: "Wenn dich die bösen Buben locken, so folge nicht." (Spr. 1,10), und Mutter schrieb: "Gewiß, es gibt noch eine Zukunft. Und deine Hoffnung wird nicht abgeschnitten." (Spr. 23,18). Sie unterschrieb in hebräischen Buchstaben "Lehitraot B'arzenu" (Auf Wiedersehen in unserem Land). Ich war fest davon überzeugt, dass das auch bald so sein würde.
Am 25. März 1939 um 21 Uhr versammelten sich am Bahnhof Zoo zwölf Jungen und Mädchen und ein neunzehnjähriger Transportbegleiter. Um als jüdische Gruppe kein "öffentliches Ärgernis" zu erregen, sollten wir uns nicht lange am Bahnhof aufhalten. So war der D-Zug schon eingefahren, als ich mit den Eltern dort ankam.
Letzte Kontrolle der Papiere. Ein schneller Abschied. Ich stieg ein, und der Zug fuhr los. Ich machte mir keine großen Sorgen darüber, denn damals hatte ich nur das aufregende Gefühl zu "verreisen". Niemals wäre mir in den Sinn gekommen, der Abschied könnte eine lange, vielleicht sogar endgültige Trennung bedeuten. Mutter hatte mir ja gesagt, dass wir uns bald in unserem Land wiedersehen würden.
An der deutschen Grenze in Bentheim wurden wir alle mitsamt unserem Gepäck aus dem Zug herausbefohlen. Jossei, der Transportbegleiter, hielt unsere Pässe bereit. Ich war die fünfte oder sechste, die abgefertigt wurde und wieder einsteigen durfte. Kaum war ich im Zug, setzte sich dieser in Bewegung. Die Hälfte der Gruppe, unsere Koffer, alle unsere Pässe und auch Jossei blieben zurück.
Ich fühlte mich plötzlich allein und erschrak zutiefst. Ich kam mir unendlich verlassen vor, ein Gefühl, das mich bis heute verfolgt. Das war ein Schock, ein richtiger Schock. Auch die anderen Kinder waren verängstigt. Wir hatten keine Ahnung, wohin wir fuhren und ob wir die anderen jemals wiedersehen würden. Kurze Zeit später hielt der Zug wieder, und holländische Beamte stiegen ein, die uns um unsere Pässe baten. Wir versuchten zu erklären, was passiert war. Die Beamten wussten nicht, was sie mit uns Kindern an der Grenzstation anfangen sollten. Zu meinem großen Erstaunen schlugen sie vor, weiterzufahren und in Vlissingen auf den nächsten Zug zu warten, der sicherlich unsere Freunde und fehlende Papiere mitbringen würde.
Nachdem wir den Zug verlassen hatten, standen wir da, verloren und elend. Ich erinnere mich nicht mehr an die Namen der anderen Kinder, auch nicht an ihre Reaktionen. Ich ergriff die Initiative und fragte so lange herum, bis mir jemand half, Gisela Warburg anzurufen, die damals in Berlin in einem der Büros der Jewish Agency arbeitete. Sie hatte mir noch vor der Abreise gesagt, dass ich mich an sie wenden sollte, wenn irgendwelche Probleme aufkämen. Ich berichtete ihr von unserer Not, und sie versprach, nach Kräften zu helfen. Es dauerte nicht lange, und einige holländische Damen erschienen und nahmen uns unter ihre Fittiche.
Weil wir die Zugverbindung verpasst hatten und der Rest der Gruppe erst abends ankam, wurden wir für die Nacht untergebracht und fuhren erst am nächsten Tag weiter. Die Schiffsfahrt über den Kanal war fürchterlich, und ich kam müde und zerschlagen in London an. Unser Transportführer verließ uns, und irgendwelche Fremden verfrachteten uns von einem Bahnhof zum anderen und steckten uns in einen Zug nach Edinburgh.
Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass man mir ein Bett in einem riesigen Raum zuwies, in dem zwölf Betten standen, sechs an jeder Seite, alle mit gleichen hellblauen Laken bedeckt. Je eine Apfelsinenkiste trennte ein Bett vom anderen. Mein Rucksack war zu dick, um in diesen Zwischenraum oder unter das Bett zu passen. So saß ich da, meine Arme um den Rucksack geschlungen, von Heimweh überwältigt. Die Mädchen, die schon vorher angekommen waren und das Haus saubergemacht hatten, hockten auf ihren Betten und unterhielten sich quietschvergnügt in einem Wiener Dialekt, den ich überhaupt nicht verstand. Alles erschien mir so fremd. Hier sollte ich nun bleiben? Das war nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Whittingehame House liegt im County East Lothian in Schottland. In diesem Haus lebte Lord Balfour, wenn ihn seine Pflichten als Mitglied der britischen Regierung nicht in London festhielten. Sein Neffe und Erbe, Viscount Taprain, hatte das große Haus mit den Ländereien in der Nähe von Edinburgh als Ausbildungsstätte für Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei zur Verfügung gestellt. Sie sollten eine zweijährige praktische und theoretische Schulung in Landwirtschaft und Gartenbau erhalten, um nach Palästina oder in andere britische Überseegebiete auswandern zu können.
Die erste Gruppe von einundzwanzig Mädchen war schon im Januar 1939 eingetroffen. Sie war, mit einem Transitvisum versehen, aus Österreich und Deutschland über Dovercourt, dem Auffanglager für Flüchtlingskinder, nach Whittingehame gekommen.
Als ich im März 1939 auf diesem Landsitz eintraf, waren bereits achtzig bis neunzig Kinder dort, und die Zahl stieg bis auf einhundertfünfzig, zeitweise sogar auf einhundertachtzig an. Die ehemaligen Gesellschaftsräume im unteren Stockwerk wurden als Speisesäle, als Synagoge und als Aufenthaltsräume genutzt. Aus den Herrschaftsschlafzimmern im ersten Stock hatte man große Schlafräume gemacht und kleinere aus den Dienstbotenkammern im oberen Stockwerk.
In Whittingehame habe ich vom Schulunterricht wenig mitbekommen. Anders war es bei der praktischen Arbeit. Da konnte mir keiner etwas vormachen. In der Nähstube musste ich keine Strümpfe mehr stopfen, sondern durfte mich gleich an die Nähmaschine setzen. Das machte mir großen Spaß. Die Küche brauchte jemanden, der bereit war, ganztags zu arbeiten und zugleich in der Nachmittagsschicht die Verantwortung zu übernehmen. Das war auch etwas für mich. Ich bekam die Schlüssel zur Speisekammer und ging ganz in der Arbeit auf. Die verantwortlichen erwachsenen Arbeitskräfte in den jeweiligen Haushaltszweigen waren Lehrerinnen der jüdischen Haushaltsschule in Frankfurt. Auch sie waren als Flüchtlinge nach England gekommen und waren glücklich, diese Aufgabe gefunden zu haben. Sie versuchten, unsere Moral hochzuhalten, was nicht immer gelang.
Ständigen Konflikt gab es zwischen ihnen und dem schottischen Schulleiter. Er wollte alles austreiben, was an uns deutsch war. Zum Judentum hatte er keinerlei Beziehung. Englische Disziplin glaubte er uns durch Schläge mit seinem Pantoffel beibringen zu müssen. Da wir ja nur ein paar Monate dort verweilen und dann nach Palästina auswandern sollten, bekümmerte mich das nicht so sehr.
Den wertvollsten Schatz, den ich aus dieser Zeit besitze, sind die Briefe meiner Eltern, die sie mir nach Großbritannien geschickt haben und die ich über ein halbes Jahrhundert aufbewahrt habe. Sie jetzt, nach langer Zeit, zu veröffentlichen war mir ein großes Bedürfnis.

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